Japanese Misic

Neue Musik Hannover


Weltreisen

Die Metapher der "musikalischen Reise" wird gerade im Zusammenhang mit imaginärer Folklore gerne bemüht. Manchmal auch nur indirekt – wie vom polnisch-wienerischen Akkordeonisten Krzysztof Dobrek und seiner Band, die ihr neues Album "Dobrek Bistro" (Dobrecords/Edel) mit einem imaginären Stadtplan und einem fingierten Reisepass schmücken. Zu hören gibt es den bewährten Stilmix, der, ausgehend vom Balkan, virtuos, aber wenig individuell die beliebtesten Pauschaldestinationen (Südamerika, Russland, Wien, Paris …) abklappert. Bis Ende November sind Dobrek Bistro damit übrigens noch in ganz Österreich auf Konzertreise.Viel weiter in ungeahnte Fernen und dabei doch ganz in die Nähe führt die Kompilation "Patchwork Europe" (Wergo/Lotus), eine Zeitreise in die unglaubliche Vielfalt europäischer Volksmusik am Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus privaten Sammlungen wurden dafür Schellackaufnahmen von Volksmusikern aus 26 europäischen Ländern zusammengetragen. Allein die drei höchst unterschiedlichen Beispiele aus Oberbayern, Appenzell und dem Innviertel dokumentieren eindrucksvoll den kulturellen Verlust, den der volkstümliche Einheitsbrei unserer Tage für den einst so pluralistischen Kontinent mit sich brachte.ach Vertiefung denn nach Überblick steht, dem sei eine Studienreise anhand der Kompilation "Shalom Comrade!" (Wergo/Lotus) empfohlen. 26 Beispiele jüdischer Musik aus der Sowjetunion zwischen 1928 und 1961 geben Einblick in einen stets gefährdeten kulturellen Bereich, der sich keineswegs so monolithisch darstellt, wie das der Titel vermuten ließe, der vielmehr von folkloristischem Traditionsbewusstsein bis zu radikaler Abwendung, von offiziellen Alibiveranstaltungen bis zur heimlichen Hochzeitsmusik reicht.Auch eine spannende Fernreise ist aktuell im Angebot: Der Konzertmitschnitt "Japanese Music" (Col legno/Harmonia Mundi) von der Biennale Neue Musik Hannover präsentiert Werke für Stimme und Koto, die traditionelle japanische Zither. Das älteste Stück (von Yatsuhashi Kengyo) stammt aus dem 17. Jahrhundert, das jüngste schrieb Toshio Hosokawa 1999.

Carsten Fastner in FALTER 44/2007



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