The Church of Bunny Lake

Bunny Lake


In der Hitze der Nacht

Das zweite Album des Wiener Trios Bunny Lake fusioniert elektronische Tanzmusik geschickt mit der Energie des Rock 'n' Roll.

Christian Fuchs ist ein Mann mit Vergangenheit. Fetish 69, die bekannteste Band des Wiener Musikjournalisten, zählte mit zum Gröbsten, das der österreichische Popunderground je hervorgebracht hat. Von Industrialklängen und Serial-Killer-Zitaten ging ihre Reise in den Neunzigern über Noise-Rock und Designer-Metal bis zu dunkelgrau gefärbtem TripHop. Fuchs hat aber auch eine Vergangenheit vor dieser Vergangenheit.

"Disco war die erste Musik in meinem Leben, die mich voll erwischt hat", erzählt der Sänger und gesteht, dass er als Kind vorm Spiegel stundenlang John Travolta nacheiferte. "Ich habe sogar noch Disco gehört, als mir meine Schulkollegen Pink Floyd reindrücken wollten." Ähnlich intensiv verlief seine New-Wave-Phase, und selbst als Breakdancer hat sich der gebürtige Steirer versucht, bevor die grobschlächtige Rockmusik in sein Leben trat.

Mit Bunny Lake ist der FM4-Mitarbeiter wieder in die Welt der glitzernden Discokugel zurückgekehrt. Das 2004 gegründete Trio schließt elektronische Clubsounds mit der Energie des Rock 'n' Roll kurz und schafft eingängig-tanzbare Musik, die an der Oberfläche glänzt, darunter aber teils ganz ordentlich brodelt. Die Sängerin Suzy On The Rocks und der Elektroniker Dr. Nachtstrom gehören noch fix zur Band, ihr betont offenes Konzept bietet auch diversen Gästen Platz. Beim kokett "The Church of Bunny Lake" betitelten neuen Album ist etwa Christopher Just mit an Bord; der Wiener Disco-Gigolo sorgte als Produzent für den knackigen Gesamtsound und steuerte auch einen gelungenen Remix des Stücks "Disco Demons" bei.

A propos "Disco Demons": Wie beim letztjährigen Debüt "The Late Night Tapes" kreisen die Songs zwar auch diesmal um die Hitze der Nacht, um Leidenschaft, Kontrollverlust und grobe Abstürze. Den voyeuristisch-affirmativen Blick aufs Treiben im Club haben Bunny Lake aber durch einen persönlicheren Zugang ersetzt. "Pathetisch formuliert wollten wir diesmal unsere eigenen kleinen Dämonen, Krisen und Panikattacken exorzieren", sagt Fuchs und wundert sich, dass einige Kritiker das gänzlich missverstehen. "Teilweise wird ein Bild von uns als sexsüchtigen Hedonistenmonstern konstruiert. Aber wie oft braucht man denn noch dieselben Themen, von jammernden Indie-Blässlingen gesungen? Ich will zu einem Song über fragile Nervenkostüme auch tanzen können. Und ich will ein Licht, am besten ein Stroboskoplicht, am Ende des Tunnels."

Dass Österreich für eine so ungeniert stylebewusste Band wie Bunny Lake deutlich zu klein ist, liegt auf der Hand. "Bis zu einem gewissen Grad halten uns die ausländischen Gigs am Leben, denn im Rest der Welt werden wir ungleich euphorischer aufgenommen als hier", bestätigt Suzy On The Rocks. "Grotesk irgendwie, in Städten wie Berlin, Amsterdam und New York vor einem begeisterten Publikum zu spielen und sich gleichzeitig immer noch schwerzutun, in Salzburg und Innsbruck auftreten zu können."

Der urbane Nightlife-Glamour des neuen Albums wurde dagegen in keiner internationalen Metropole, sondern im steirischen Hinterland kreiert. Einen Widerspruch mag die Sängerin darin nicht erkennen: "Die Einsamkeit der Wälder erlaubt uns, das Nachtleben und dessen Morbidität mit der notwendigen Objektivität zu betrachten. Da wir unsere Wurzeln alle auf dem Land haben, ist uns sehr wohl bewusst, dass es abseits von Party und Champagner auch noch wesentlich Wichtigeres gibt."

Gerhard Stöger in FALTER 44/2007



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