The Complete Sequenzas & Works for Solo...

Luciano Berio


Musica musicarum

Luciano Berios "Sequenze" sind theatralische Instrumentalstücke. Bei Wien Modern und auf einer neuen CD kann man sie exemplarisch hören.

Incipit sequentia sequentiarum, quae est musica musicarum secundum Lucianum." Im Nachhinein verfasste der italienische Dichter Edoardo Sanguineti kurze Verse zu jeder der 14 "Sequenze" Luciano Berios und stellte ihnen allen diese lateinische Zeile voran: "Es beginnt die Sequenz der Sequenzen, die die Musik aller Musik ist - laut Luciano."

Sanguinetis augenzwinkernde Relativierung wäre nicht wirklich notwendig gewesen, denn gar so sehr hat er mit seiner feierlichen Ankündigung nicht übertrieben: Mögen die jeweils rund zehnminütigen Solostücke auch nicht die "Musik aller Musik" sein, so sind sie doch einer der wichtigsten Beiträge des 20. Jahrhunderts zur Erweiterung instrumentaler Spielpraktiken - und ganz sicher der musikalischste. Entstanden nicht als geplanter Zyklus, sondern als offene, durch Berios Tod 2003 nach 14 Folgen beendete Werkreihe, widmen sie sich ohne theoretische Überfrachtung den klanglichen Möglichkeiten jeweils eines Instruments, aber auch dem Verhältnis zwischen Interpret und Instrument.

Es lohnt sich, die Liste ganz zu lesen: Zwischen 1958 und 2002 untersuchte der Komponist so kenntnisreich wie praxisnah und ohne jede falsche Scheu vor Virtuosität das Ausdruckspotenzial so unterschiedlicher Instrumente wie der Flöte, der Harfe, der menschlichen Stimme, des Klaviers, der Posaune, der Bratsche, der Oboe, der Geige, der Klarinette, der Trompete, der Gitarre, des Fagotts, des Akkordeons und des Violoncellos; von einigen der Stücke existieren darüber hinaus Bearbeitungen für Alt- und Sopransaxofon, Bassklarinette und Kontrabass.

In einigen Fällen suchte Berio dabei Überraschung und Täuschung, so etwa bei der einstimmigen Flöte, mit der er in seiner "Sequenza I" tatsächlich den Eindruck von Mehrstimmigkeit hervorruft. Andere Instrumente wollte er gänzlich ungewohnt präsentieren, zum Beispiel die Harfe: "Deren besonders charakteristische Eigenschaft schien es zu sein, dass sie nur von halbnackten Mädchen mit langem blondem Haar gespielt werden kann, die dem Instrument nichts als verführerische Glissandi entlocken können", schrieb er dazu und gab der Harfe in seiner "Sequenza II" eine härtere, lautere und aggressivere Seite. Hier klingt sie "wie der Sturm, der durch einen Wald fegt".

Die bekannteste "Sequenza" ist wohl jene für weibliche Stimme, 1965 für Berios damalige Lebensgefährtin Cathy Berbarian geschrieben. Zu den flexibel zusammenstellbaren Textbausteinen von Markus Kutter ("give me - a few words - for a woman") versammelte der Komponist nahezu alle stimmlichen Ausdrucksweisen, vom Sprechen und Singen übers Husten, Keuchen und Summen bis zum Lachen, Schreien und Schnalzen. Die "Sequenza III" wird so zu einem musikalischen Dramolett. Ähnliches gelingt Berio auch ohne Worte, etwa in der "Sequenza V" für Posaune.

Sanguinetis "Sequenza"-Verse können, so hat es der Komponist selbst festgelegt, im Konzert vor jedem der 14 Solostücke rezitiert werden, meistens aber werden sie es nicht. Das ist schade, denn sie würden den theatralischen Charakter, der dieser "Musik aller Musik" eingeschrieben ist, noch unterstützen, wie eine exemplarisch edierte Gesamteinspielung durch das New Yorker Label Mode beweist. Und auch bei Wien Modern geht man auf die szenischen Aspekte bei Berio ein: Neben der konzertanten Aufführung einiger "Sequenze" durch das Klangforum Wien findet auch eine szenische Hommage à Berio des Remix Ensemble aus Porto statt. Ihr schöner Titel: "Consequenza".

Carsten Fastner in FALTER 44/2007



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