The Taste and the Money

Ja, Panik


Anleitung zum Abenteuer

Kämen sie aus England, wären sie die neuen Helden der Jugend. Ja, Panik kommen aber aus Österreich und sind vorerst nur die beste deutschsprachige Rockband, die kaum wer kennt. Ihre zweite CD sollte das ändern. GERHARD STÖGER
Das blühende Leben sieht etwas anders aus als der schmächtige junge Mann, der da in der Wohngemeinschaft seiner Band zur Mittagszeit die Tür öffnet. Sein dunkles Outfit entspricht der klassischen Existenzialistenuniform, der Schwärze seiner Haare hat Färbemittel wohl noch extra nachgeholfen. Sein Mittagessen könnte auch ein Frühstück sein, es besteht aus starkem Kaffee und Zigaretten. Unter den Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab, und auch der bleiche Teint lässt auf die Art von Lebenswandel schließen, vor der uns Mama und Papa immer gewarnt haben.
Der junge Mann spricht leise und etwas zögerlich; nicht jeder von ihm begonnene Satz findet auch ein Ende. "Alle zwei Monate stehe ich wieder vorm materiellen Nichts, aber momentan funktioniert das irgendwie", sagt er, der zeitig beschlossen hat, von der Musik zu leben. Von der eigenen Musik, vom Plattenauflegen und von Roadie-Tätigkeiten für andere Bands. Der junge Mann heißt Andreas Spechtl, ist 23 Jahre alt, spielt Gitarre und singt bei einem Quintett namens Ja, Panik. "Ja, Panik"? Genau: Ja, Panik, hervorgegangen aus der einst mit Freunden am Gymnasium betriebenen Gruppe Flashbax ("Straight Outta Schilfgürtel").
Wäre Ja, Panik eine britische Band, der New Musical Express hätte sie wohl schon als neue Helden des Rock 'n' Roll gefeiert und Andreas Spechtl zum Star erklärt. Ja, Panik aber sind in Hernals daheim und im Burgenland aufgewachsen. Mit der Popkultur ist es da nicht weit her, und junge Buben, die sich von Musik etwas mehr als nur eine Handvoll belanglos-hübscher Lieder sowie die Steigerung des Sexappeals erwarten, werden da traditionell eher skeptisch beäugt. Ja, Panik zeigen sich davon unberührt. Sie machen ganz einfach ihr Ding, leben seit einem Jahr sogar in derselben Wohnung, arbeiten entsprechend intensiv an ihrer Kunst – und haben mit ihrem zweiten Album "The Taste and the Money" beim österreichischen Independent-Label Schoenwetter soeben eine CD veröffentlicht, die den Hörer erstaunt und sprachlos zurücklässt.
Ja, Panik sind jung und spielen deutschsprachige Rockmusik. Von der durchschnittlichen Indie-Rock-Jugend mit ihren durchschnittlichen Liebesliedern und ihrer durchschnittlichen Coolness könnten Spechtl & Co aber kaum weiter entfernt sein. Diese zwölf Lieder sind im selben Moment kunstsinnig und ungemein packend, sie beuteln einen kräftig durch und hören auch lange nach dem Ende des letzten Tons nicht damit auf. Was nicht zuletzt mit den Texten zu tun hat, die nie einfach nur Geschichten erzählen, sondern in einer poetisch verdichteten Sprache Stimmungen entwerfen.
Selbst eine mehr oder weniger unmittelbare Verbeugung vor Heller/ Qualtinger ("Wien, du bist ein Taschenmesser") bekommen Ja, Panik ganz ausgezeichnet hin. Einmal gibt der junge Hupfer aus dem Burgenland sogar den alten Bluesmann und singt – ohne sich dabei lächerlich zu machen – davon, dass der Teufel seine Seele nicht haben wollte. Nicht selten wird in diesen Liedern vom Exzess berichtet. Vom Exzess – und dem Kater, der Katharsis danach. "Das singende Ich ist nicht unbedingt mit dem Sänger gleichzusetzen", erklärt Spechtl. "Ich muss Texte so lange bearbeiten und verfremden, bis ich beim Singen nicht mehr das Gefühl habe, meine Seele auszukotzen." Der emotionalen Intensität schadet diese Herangehensweise kein bisschen, eventuellen inhaltlichen Plattheiten beugt sie aber zuverlässig vor.
"The Taste and the Money" ist nicht einfach nur die beste deutschsprachige Rockplatte, die hierzulande seit sehr langer Zeit erschienen ist, sie strahlt auch weit über Österreich hinaus aus und muss sich heuer eigentlich nur mit Tocotronics Großtat "Kapitulation" messen lassen. Unmittelbare Vorbilder dieser entgegen der typischen Rockbesetzung auch fix mit einem Piano (kein Synthesizer!) ausgestatteten und auch zur einen oder anderen Ukulele-Einlage nicht Nein sagenden Musik lassen sich nur schwer ausmachen. Dass im Gespräch aber Namen wie Fehlfarben oder Ton Steine Scherben fallen, passt ebenso wie die Tatsache, dass mit "Satellite of Love" ein frühes Solostück von Lou Reed lässig gecovert wird.
"Leute, die man wirklich bewundert, sind entweder schon tot oder haben seit zwanzig Jahren keine gute Platte gemacht", sagt Spechtl – und nimmt davon gerade einmal Bob Dylan aus, seinen großen Helden, den er bereits als Kind in der elterlichen Plattensammlung entdeckte und den er wie keinen anderen Künstler schätzt. Er wolle auf keinen Fall kulturpessimistisch daherkommen, meint Spechtl entschuldigend, aber er könne aktuellem Indierock eben kaum etwas abgewinnen.
"Unsere Musik lebt vom Zitieren, von Plagiaten und vom Zusammenpicken. Gleichzeitig steht sie aber sehr bewusst gegen diesen Retrowahn, wo sich Bands irgendeinen Stil der letzten dreißig Jahre herauspicken und den dogmatisch wiederholen." Authentisch zur Schau gestelltes Leid in Liedform mag Spechtl, der seit einiger Zeit auch als Livegitarrist für die Berliner Band Britta tätig ist, ebenso wenig. "Ich halte nichts davon, wenn Musik zur Selbsttherapie wird, um dadurch besser mit seinem Leben klarzukommen; ich will vielmehr Kunst im Sinne von Künstlichkeit!"

Der in seinen Songs häufig wiederkehrende Rausch hat durchaus seine reale Entsprechung. "Die Texte haben etwas Humoristisches, aber da steckt auch das Plädoyer dafür dahinter, sich das Abenteuer zurückzuholen und ein Stück weit am Abgrund dahinzutaumeln. Dabei geht es nicht so sehr um den Exzess an sich oder gar darum, sich stumpf einer Sucht unterzuordnen, sondern ganz einfach um das befreiende Moment." Journalisten bekommen von Ja, Panik ein Manifest zur Platte mitgeliefert, das formschön einem Reclam-Heft nachempfunden und stilgerecht auf einer alten Schreibmaschine verfasst wurde. "Wir müssen uns glühend, glanzvoll und freigiebig verschwenden!", heißt es darin. "Der Exzess, der Rausch, die Raserei muss uns treiben. Wir sind Feinde der Ordnung."
Vor einigen Wochen haben Ja, Panik das auch in Berlin demonstriert. Im Anschluss an ein Konzert bei der Musikfachmesse Popkomm hat sich die Band in der Bar nackt ausgezogen – und wurde von den lokalen Securitys dafür brutal verprügelt. "Betrunken neigen wir dazu, komische Aktionen zu starten", sagt Spechtl. "Natürlich war das idiotisch, aber man kann es auch als Statement gegen dieses ungute Ambiente dort verstehen." Es sollte theoretisch möglich sein, sich in einer Bar auszuziehen, ohne dadurch eine einseitige Gewaltanwendung hervorzurufen, meint der Sänger. "Man könnte ja auch einfach sagen: ‚Nerv mich nicht, du angesoffener Bub, was hältst du mir deinen nackten Hintern hin?' So gesehen ist die einzige Lehre dieser Geschichte, es beim nächsten Mal wieder genau so zu machen."

Gerhard Stöger in FALTER 43/2007



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