Alles Wieder Offen

Einstürzende Neubauten


Zeit für den Kollaps

Blixa Bargeld ist jegliche Kumpelhaftigkeit fremd. Auf größtmögliche Distanz bedacht, hält der 1959 als Christian Emmerich geborene Berliner im Gespräch konsequent an seiner in den Achtzigern kultivierten Rolle als unnahbarer Ruinenpoet fest. Die einst so giftige Bösartigkeit aber ist einer Altersgelassenheit gewichen. Dass sich Bargeld, der mit seiner Frau seit acht Jahren in Peking lebt, dennoch wieder einer umfangreichen Interviewtour unterzieht, hat einen guten Grund: Mit der post-apokalyptischen, ja streckenweise geradezu zärtlichen Experimentalpop-Schönheit "Alles wieder offen" liegt das beste Einstürzende-Neubauten-Album seit vielen Jahren vor; als Businessrebellen bringen sie es erstmals in ihrer 28-jährigen Geschichte gänzlich im Do-it-yourself-Verfahren heraus. Der einstige Müllhalden-Sound des bevorzugt auf Fundgegenständen und selbstgebauten Instrumenten spielenden Quintetts ist einer fein ausgearbeiteten Musik gewichen, während man zwischen den Zeilen von Bargelds düsterer Poesie bisweilen fast schon so etwas wie Humor zu erkennen glaubt.

Falter: "Alles wieder offen" wirkt gelassen und gleichzeitig hochkonzentriert, es scheint, als hätten die Einstürzenden Neubauten großen Spaß daran, ihre Kunst zu verfeinern. Fühlt es sich gerade besonders gut an, Kopf dieser Band zu sein?
Blixa Bargeld: In der Regel kann ich beim Erscheinen eines Albums viele Geschichten über neugebaute Instrumente und spezielle Installationen erzählen oder zumindest davon berichten, welchen Teil des materiellen Spektrums wir gerade zu erforschen versuchten. Diesmal ist dagegen nur das ungewöhnliche, aber herkömmliche Neubauten-Instrumentarium zu hören, eine Verfeinerung ist da fast zwangsläufig.
Hat es Ihnen gefehlt, neue Instrumente zu bauen?
Ich habe nach einer Richtung für mögliche Klangforschungen gesucht, aber es stellte sich nichts ein. Irgendwann habe ich begriffen, dass das auch gut ist. Hat man eine klare Forschungsrichtung, so schlägt sich das in den Texten nieder. Diesmal gab es aber kein Konzept und kein lyrisches Ich, hinter dem ich mich als Textautor verstecken konnte. "Ich" meint auf dieser Platte tatsächlich Blixa Bargeld, und das macht mich angreifbar und verletzlich.
Sie spielen keine Musik, sondern Sie erforschen Klänge?
Eine Band ist für mich nichts weiter als die luxuriöseste Form des Nachdenkens. Neue Musik zu entwickeln heißt da zuerst einmal, ein Problem zu kreieren. Die ganze kompositorische Arbeit bis zum Punkt des fertig aufgenommenen Stücks ist eigentlich nur Problemlösung.
Komponieren bedeutet, ein selbstgeschaffenes Problem wieder zu lösen?
Es ultimativ zum Verschwinden zu bringen, genau. So gesehen würde jedes Kunstwerk, das übrigbleibt, nur vom Verschwundensein eines Problems zeugen – und das gefällt mir als Definition eigentlich sehr gut.
"Alles wieder offen" wirkt sehr feingliedrig. Ist es eventuell sogar eine Popplatte?
Es ist definitiv kein akademischer Jazz, und aufgrund mangelnder musikalischer Vorbildung ist es auch keine klassische Platte. Mir fehlt die Übersicht der momentan durch die Presse geisternden Genres und Subgenres, aber ich würde es im weitesten Sinn immer noch als Rockmusik bezeichnen.
Sie sehen sich als Rockmusiker?
Ich stehe auf der Bühne, links und rechts von mir Verstärker, es gibt einen Backstageraum und ich sitze im Tourbus – ich nehme an, ich bin Rockmusiker.
Wie programmatisch ist der Plattentitel "Alles wieder offen"?
Ich halte es für die eleganteste Lösung, ein Album nach einem Songtitel zu benennen, und da bot sich kein anderer an. Natürlich spielt das auch auf unsere aktuelle Situation an, da es das erste Album ist, das Einstürzende Neubauten als Plattenfirma selbst veröffentlichen. Wir haben zwar noch einen Plattenvertrag mit Emi, es gibt aber eine Art Stillhalteabkommen. Funktioniert das jetzt nicht, gibt es kein ökonomisches Modell mehr, mit dem wir weiterarbeiten können.
Die Aufnahme wurde durch ein spezielles Supportermodell finanziert: Fans geben Ihnen im Vertrauen darauf Geld, dass Sie damit eine interessante Platte produzieren.
Ohne dieses Geld wäre es nicht möglich gewesen. Wobei der Verzicht auf eine große Plattenfirma keine Frage der Coolness ist. Wir sind einfach darauf angewiesen, es so zu machen, denn mit dem Geld, das ich von einer Plattenfirma als Vorschuss bekomme, das mir hinterher aber wieder abgezogen wird, kann ich heute keine Platte mehr produzieren. Das Beste an einer Plattenfirma ist, dass man jemanden zum Anmeckern hat. Das fehlt uns jetzt, also müssen wir uns selber anmeckern.
Ohne Ihre langjährige Geschichte würde das Modell wohl kaum funktionieren.
Auf die Situation anderer Künstler ließe es sich nicht einfach so übertragen, aber wir arbeiten an einer veränderten Version. Ich kann noch keine Details nennen, aber aus unserer Erfahrung heraus soll eine Plattform entstehen, die als Kampfansage an die Majors funktionieren soll.
Verwirklicht die Downloadkultur Jahrzehnte danach die Revolte des Punk gegen die Musikindustrie?
Ich habe mit illegalen Downloads kein Problem. Das Copyright muss sich ändern, ebenso die Vermarktungs- und Geldvorstellungen dieser Firmenkonglomerate. Die müssen erst mal richtig zusammenbrechen, bevor irgendwas passiert. Emi ist gerade von einer Investmentgruppe übernommen worden, die den Chef aus dem Vertrag gekauft und durch drei Manager ersetzt hat, die alle aus dem Banken- und Finanzierungswesen kommen. Mit ihrer Mentalität hätten diese Leute damals auch zu Louis Armstrong gesagt: "Geh mal lieber nach Hause, du verkaufst ja sowieso nichts."
Ihre eigenen Wurzeln liegen im Punk der Siebziger und seinem Credo, dass jeder Musik machen könne.
Das war der entscheidende Aspekt. Ich habe mir damals pflichtbewusst das Sex-Pistols-Album besorgt, um irgendetwas zu entdecken, das mich reizt. Aber ich musste doch relativ schnell feststellen, dass ich mit dem musikalischen Genre Punkrock nicht sehr viel anfangen konnte. Ungleich interessanter war die Do-it-yourself-Kultur und das subversive künstlerische Element.
Der ersten Neubauten-Gründungsbesetzung gehörten mit Gudrun Gut und Beate Bartel zwei Frauen an. Wie hat das zum männlich-martialischen Credo der Band gepasst?
In ihrer Ur-Fluxus-Besetzung hätte man die Band niemals als sehr männlich beschreiben können. Die physische Dimension kam erst etwas später zum Vorschein und wurde vor allem durch F.M. Einheit geprägt. Tatsächlich kann ich ein Dutzend Narben an meinem Körper vorweisen und bei jeder genau sagen, von welchem Konzert sie stammt. Diese Körperlichkeit ist aber ein Symbol von Jugend, und ich fände es nicht besonders überzeugend, mich noch einmal daran zu versuchen.
Die Neubauten wurden von einer Undergroundband über die Jahre zu einem Stück Hochkultur. Wie haben Sie diese Veränderung erlebt?
Eigentlich eher als Pressephänomen, denn unsere Arbeitsgrundlage hat sich nur so weit verändert, wie sich die Musikindustrie selbst verändert hat. Wären wir wirklich Teil der Hochkultur, könnte ich sagen: "Guten Tag liebe Bundeskulturstiftung, wir würden gerne eine neue Platte aufnehmen und brauchen dafür so und so viel. Sie wissen ja, wir sind Bestandteil der Hochkultur!" Aber das würde wohl kaum funktionieren.
Hatten Sie je Angst, dass Sie das Feuilleton zu Tode umarmt?
Nein. Als wir mit Peter Zadek am Schauspielhaus Hamburg "Andi" gemacht haben, gab es dieses kurze Aha-Erlebnis der Presse. Das Stück selbst war grauenvoll, aber wir Lumpen wurden mit Edgar Varèse verglichen – die berühmte Erfrischung, die die Hochkultur ab und zu braucht, indem man ihr ins Gesicht spuckt. Danach war die Umarmung aber auch schon wieder vorbei und der Feuilletonwaggon ist weitergefahren.
Sehen Sie sich als Teil deutscher Rock- und Popmusik?
Nein. Ich sehe mich als Teil von Rockmusik – Punkt. Wir waren auch fast von Anfang an im Ausland beliebter als in Deutschland, obwohl uns durch die Sprache bestimmte Grenzen gesetzt sind. Im Gegensatz zu einer anderen im Ausland sehr erfolgreichen deutschsprachigen Band, deren Namen ich hier nicht nennen muss, wollte ich aber nie das Klischee des deutschen Gesangs bedienen, wie Hollywood sich Nazis im Film vorstellt.
Fühlen Sie sich irgendwo beklaut von dieser Band, deren Namen Sie nicht nennen wollen?
Nein. Aber ich ärgere mich. Neulich habe ich bei einer Grillparty mit einem Absolventen der Stanford University gesprochen. Er erzählte mir, dass er beim Workout immer Rammstein hört, und letztlich stellte sich heraus, dass er von Beruf ein GI ist. Der Typ kam gerade zurück vom verdammten Krieg, und beim Workout hört er Rammstein. Was soll ich davon bitte halten?
Auf der neuen Platte singen Sie: "Lass dir nicht von denen raten, die ihren Winterspeck der Möglichkeiten längst verbraten haben." Ein Kommentar zur politischen Lage in Deutschland?
Ich kann Texte nur bedingt erklären, weil ein Stück für mich auf vielen verschiedenen Ebenen funktionieren muss. Aber wenn Sie das als politischen Kommentar lesen wollen, sage ich dazu nicht nein. Ich glaube nicht an klassische Protestsongs, sehr wohl aber an die Fähigkeit von Musik, eine Energie zu übertragen und jemanden zu bestätigen. Hätte ich bei Streitereien mit meinen Eltern einst nicht die richtige Musik gehabt, würde ich jetzt wahrscheinlich nicht hier sitzen. Es muss eine Musik geben, die in der Lage ist zu sagen: "Du hast Recht!"
Was war damals die richtige Musik?
Velvet Underground, die Doors, die besten Alben der Stones. Auch Ton, Steine, Scherben und der ganze damalige Deutschrock. Eine Platte wie "Monster Movie" von Can kann ich immer noch komplett unterschreiben.
Sie spielten lange Zeit in Nick Caves Band The Bad Seeds. Fehlt Ihnen das heute manchmal?
Ja, manchmal. Es gab definitiv kein Zerwürfnis zwischen uns, es war einfach eine mehr oder weniger lebensnotwendige Entscheidung, die Band zu verlassen.
Nick Cave definiert Songwriting mittlerweile als konzentrierten Nine-to-five-Job. Könnten sie sich so etwas vorstellen?
Nein, ich brauche dazu die Band. Nick ist ein sehr guter Liedschreiber, ich bin das nicht; bei mir geht es um die Entwicklung des ganzen komplexen Gebildes. Bei den Bad Seeds bekommt man im Studio Text und Akkordfolge gereicht und spielt das innerhalb weniger Tage ein. Das hat nichts vom Lösen eines Problems.
Sie haben in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen gearbeitet. Wo fühlen Sie sich am wohlsten?
Für mich ist die Bühnenzeit außerhalb normaler Zeit. Ich betrete eine Bühne und erwarte, dass das normale Kontinuum nicht mehr funktioniert. Und dabei ist mir jede Bühne recht.
Was ist das blödeste Vorurteil über Blixa Bargeld?
Ich weiß gar nicht genau, welche Vorurteile über mich existieren. Dass ich humorlos bin wahrscheinlich.
Sie sind mir also gar nicht böse, wenn ich Ihren Texten einen gewissen Humor attestiere?
Überhaupt nicht. Inzwischen haben das auch schon ein paar andere bemerkt

Gerhard Stöger in FALTER 42/2007



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