SHOTTER'S NATION

Babyshambles


Singen statt sterben

Am Kiesstrand des Seestädtchens Whitstable sitzt ein schmächtiger kleiner Mann mit durchsichtiger Haut und stochert in einer Portion Fish & Chips. An die dicken Kreppsohlen seiner Schuhe schmiegt sich ein kleiner braunweißer Kampfhund und sonnt seine Genitalien. Neben ihm unterhält sich eine launige Gesellschaft Vierzig- bis Fünfzigjähriger mit Ray-Ban-Wayfarer-Sonnenbrillen, die ihrer Jugend in den Achtzigern Tribut zollen. Der Lauteste unter ihnen löchert den hageren Hundebesitzer mit Fragen: Ob er Gogol Bordello möge. Ach, die kenne er nicht? Eine ganz interessante Mischung aus osteuropäischer Musik und Punk machten die. Schwer zu beschreiben, ohne dabei – durch die Wayfarers hindurch erahnt man sein wissendes Zwinkern – "das C-Wort zu erwähnen".
Der Durchsichtige lächelt milde. Sein Name ist Topper Headon, er war Schlagzeuger bei The Clash, ehe er vor einem Vierteljahrhundert wegen seiner destruktiven Heroinsucht aus der Band expediert wurde. Ein paar hundert Meter weiter schlendert ein Teenager auf dem Weg zu einem antirassistischen Punk- und Ska-Festival lässig die Strandpromenade entlang. Er trägt ein schwarzes Hemd mit weißer Armschleife und einem Union Jack an der linken Hemdbrust – eine perfekte Nachempfindung des improvisierten Do-It-Yourself-Looks von The-Clash-Bassist Paul Simonon.
Diese beiden zufälligen Begegnungen sind mit unsichtbaren Fäden an eine Gestalt geknüpft, die zur selben Zeit gerade irgendwo in einer Entzugsklinik Croquetschläge übt: Peter Doherty, Barde und Märtyrerfigur der juvenilen Boheme, der Elterngeneration und dem Boulevard besser bekannt als der drogenverseuchte Teilzeitliebhaber der Modeikone Kate Moss. Es waren Dohertys Libertines, die vor fünf Jahren in Lied, Wort und Attitüde eine – zumindest für ihr junges Publikum – glaubhafte Verbindung zum britischen Punk der späten Siebziger herstellten. So wie einst Headon landete auch Doherty infolge seiner Drogensucht im Gefängnis und flog aus der Band. Und es war Ex-The-Clash-Gitarrist Mick Jones, der als Produzent nicht nur den Libertines, sondern auch Dohertys Nachfolgeband Babyshambles ihren authentisch chaotischen Sound verlieh.
Ob der auch nicht immer nüchterne Jones dabei am Ende "zu sehr selbst zum Teil der Gang wurde", sei "Ansichtssache", meint Babyshambles-Bassist Drew McConnell, der gemeinsam mit Schlagzeuger Adam Ficek als vergleichsweise trockene Bandhälfte die Eskapaden des unzähmbaren Frontmanns erleiden musste. Dank der Sprödigkeit ihres Debütalbums "Down in Albion" hatte die Band unter Jones' Leitung jedenfalls ein Maximum an medialer Aufmerksamkeit in bescheidene Verkaufszahlen verwandelt. Während seine Geliebte infolge der Publicity ihren Marktwert als Model verdreifachen konnte, blieb Doherty chronisch illiquid. Als eine der bekanntesten Bands Großbritanniens standen Babyshambles ohne Plattenvertrag da, und "ehrlich gesagt rissen sich die Labels nicht gerade um uns" (Ficek).
Nach einem Zerwürfnis mit dem ebenfalls an der Crackpfeife hängenden Gitarristen Pat Walden fand Doherty im ein gutes Jahrzehnt älteren Mik Whitnall, der in den Achtzigern in einer linksgerichteten nordenglischen Skinhead-Band gespielt hatte, nicht nur einen neuen Drogen- und Songschreibe-Buddy, sondern auch das Missing Link zur von ihm so gern romantisierten britischen Jugendkultur des vergangenen Jahrhunderts. "Vor etwa einem Jahr gab es einen Punkt, wo wir beide ganz unten waren", erinnert sich der Gitarrist, "ich sagte zu Pete: Wenn wir so weitermachen, sind wir bald tot. Wieso hören wir nicht mit diesem Scheiß auf und schreiben stattdessen ein paar klassische Songs?"

Von solchen Vorsätzen beflügelt, verfassten Whitnall und Doherty Nummern wie das Alkoholiker-Ehedrama "Baddies Boogie" oder die auf einem alten Kinks-Riff beruhende Proletenpassion "Delivery". Dazu gesellte sich eine Reihe von selbstironisch gebrochenen Beziehungsdramen des reuigen Junkies. Manche davon ("You Talk") haben ihre Grundlage im Albern mit Kate Moss im Bett, andere (das auf Platte von Folklegende Bert Jansch begleitete "The Lost Art of Murder") wiederum suhlen sich im Trennungsschmerz.
Am Ende lag es aber an Ex-Smiths- und Blur-Produzent Stephen Street, der in seiner langen Laufbahn schon Egos wie Morrissey oder Albarn gebändigt hatte, dem ewigen Talent mittels disziplinären Durchgreifens ein erstaunlich solides Album zu entlocken. "Shotter's Nation", meinte Doherty unlängst, sei "meine erste Platte, die ich beim Anhören ohne gewisse Ablenkungen genießen kann." Und dankenswerterweise gilt das nicht nur für ih

Robert Rotifer in FALTER 41/2007



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