SHINE

joni Mitchell


El Condor basta

Heiliger Krieg, Völkermord, Selbstmord, Hass und Grausamkeit" … "Männer lieben Krieg!" … "Wir haben alles vergiftet, und bewusstlose Handy-Zombies quatschen sich durch die Shopping Malls, während die Kondore vom Spätsommerhimmel stürzen" … "Geld, Geld, Geld, Geld reißt die Bäume nieder, es verwandelt Berge in Maulwurfshügel"…
Ja, Herrschaftszeiten, welche endzeitliche Windhose ist denn hier durch die Metaphorik gefegt? Was klingt, als hätte sich ein Greenpeace-Aktivist auf einem schlechten Trip an einer "zeitgenössischen" Übersetzung der "Apokalypse" versucht, sind in Wirklichkeit Textpassagen aus vier Songs, die sich auf Joni Mitchells soeben erschienenem Album "Shine" finden. Da hat sich offenbar einiges aufgestaut in den neun Jahren, die seit "Taming the Tiger", Mitchells letztem Album mit neuem Material, vergangen sind.
Dabei hatte die 63-jährige Kanadierin eigentlich schon mit dem Musikbusiness abgeschlossen und nicht mehr vorgehabt, je wieder eine Platte aufzunehmen, nachdem sie ihren Vertrag mit Warner durch Aufnahmen von Jazzstandards ("Both Sides Now", 2000) und durch neue Einspielungen alter Songs ("Travelogue", 2002) erfüllt hatte: "Mir fiel kein Thema mehr ein, das mich zu Songs inspiriert hätte. Ich dachte, dass ich am Ende sei. Und das war auch in Ordnung für mich, weil ich die Musik immer stärker als Ablenkung von meiner Malerei empfand."
2005, drei Jahre nachdem Mitchell ihren finalen Rücktritt erklärt und eine scharfe Attacke gegen die Plattenindustrie formuliert hatte, kamen ihr erste Zweifel. Sie setzte sich wieder ans Klavier, nachdem sie sich an der zehn Jahre lang vernachlässigten Gitarre blutige Finger geholt hatte. Ein chinesischer Heilpraktiker fand heraus, dass die Ursache für das Nachlassen ihres Stimmumfangs in Nackenproblemen lag (eine Spätfolge der Kinderlähmung), und entwickelte eine effiziente Therapie; die Zusammenarbeit mit dem Alberta Ballet, für dessen Programm "The Fiddle and the Drum" auch einige der neuen Songs geschrieben wurden, befeuerte Mitchells kreative Energien erneut: "Ich kam direkt aus der Pension, um auf einmal die Leistung von drei Zwanzigjährigen zu erbringen", erinnert sich Mitchell in einem überraschend angriffslustigen und auch ein bisschen anmaßenden Interview, das im April dieses Jahres in der Zeitschrift Word erschien. "Ich habe mich wie Gauguin oder van Gogh gefühlt. Ich weiß genug, um zu wissen, wann ich anständige Arbeit liefere, aber sie wurde von Idioten besprochen. Ich sehe ja den Mist, den sie raufschreiben. Sie vergleichen mich mit 3-Akkord-Wundern, die überhaupt nichts zu sagen hatten. Ich habe die Blödheit einfach nicht mehr ausgehalten."
Auf ihre Songtexte legt Mitchell, die sich selbst als "wordsmith" bezeichnet, besonderen Wert. Soeben hat Herbie Hancock das Tribute-Album "River. The Joni Letters" veröffentlicht. Mit von der Partie ist auch der Saxofonist Wayne Shorter, der, gemeinsam mit Hancock, schon auf Mitchells Alben "Mingus" (1979) und "Both Sides Now" (2000) zu hören war. Dass "die Texte die Grundlage dieses ganzen Projekts bildeten", wie Hancock erklärt, führt mitunter zu etwas akademisch anmutenden Entdecken-Sie-die-Melodie-Exkursen. Andererseits machen die Auftritte diverser Gast-Stars (Mitchells Landsmann Leonard Cohen belebt mit seinem Gegrummel die Gattung Jazz & Lyrik) deutlich, was wir an Joni Mitchell haben: Wenn Norah Jones sich "Court and Spark" annimmt, fliegen keine Funken, es wirkt lediglich affektiert; Corinne Bailey Rae klingt auf "River" wie ein in den eigenen Weltschmerz verliebter Teenager; Luciana Souza interpretiert "Amelia" so indifferent, als würde sie eine Performance für eine Wohltätigkeitsveranstaltung abliefern; ausgerechnet Tina Turner, die man hier wohl zu allerletzt erwartet hättet, zieht sich mit "Edith and the Kingpin" auch dank eines gelungenen poppigen Arrangements erstaunlich gut aus der Affäre.
Joni Mitchell selbst, die auf "River" mit "Tea Leaf Prophecy", einer berührenden Ballade über ihre Eltern, vertreten ist, bleibt als Sängerin eine Klasse für sich. Zu Recht verweist Hancock auf die Nähe zu Billie Holiday: "Achten Sie doch mal auf das kleine Vibrato am Ende ihrer Töne." Mitchell vermag einem Satz über alltägliche Verrichtungen – "she does the garden in the spring / he does the winter shovelling" – affektiv aufzuladen wie ein großer Erzähler. Auf "Shine" hingegen gelingt es ihr nur fallweise, diese magische Einheit von Musik, Text und Performance herzustellen. Das liegt zum Teil an der simplen Plakativität der lyrics. Bezeichnenderweise blitzt in "Night of the Iguana", das sich ausnahmsweise nicht mit dem Niedergang des Planeten, sondern mit den Leiden des Protagonisten aus Tennessee Williams' gleichnamigem Stück befasst, etwas von ihrem poetischen Potenzial auf: "The night is so fragrant / These women so flagrant / They could make him a vagrant / With the flick of the shawl."
Aber auch die Arrangements, die Mitchell mit synthetisierten Sounds von Holzbläsern, Streichern und Rockgitarre sowie mit grässlich billig klingenden Beats aufgefüllt hat und die dazu tendieren, die Stimme zuzuhüllen, sind mehr als gewöhnungsbedürftig.

Und als man sich schon mit der Enttäuschung abgefunden hat, kommt auf einmal dieser Titelsong. Dabei ist "Shine" nicht einmal ganz kitschfrei und geschmackssicher, aber Joni Mitchells Gesang macht es zu einem der schönsten Lieder, die man in letzter Zeit hören konnte. Gerade in seiner Schutzlosigkeit und raffinierten Naivität ist diese siebeneinhalbminütige Anrufung eines kleinen Lichtes überzeugend. Es wird gebeten, auf wirklich alles herabzuleuchten: auf die "Frankenstein-Technologie" genauso wie "Wall Street und Vegas", auf die "sterbenden Soldaten" ebenso wie auf den "Verkehrsstau" oder "die katholische Kirche und die Gefängnisse, die ihr gehören".
Und weil dann mit "If" auch noch eine gelungene, unsentimentale Vertonung von Rudyard Kiplings Poem an den aufrechten Gang folgt, sitzt man zu guter Letzt mit einem lachenden ("Geht ja doch!") und einem weinenden Auge ("Warum nicht gleich?!") da und hält es keineswegs für ganz unmöglich, dass Joni Mitchell die Welt doch noch retten wird. Wenn nicht, hat sie es wohl nicht anders verdient.

Klaus Nüchtern in FALTER 39/2007



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