Die Enttäuschung

Die Enttaeuschung, Jazz


Ulrich Drechsler kommt das Verdienst zu, die Bassklarinette hierzulande über die üblichen Jazz-, Neue-Musik- und Free-Improv-Szene hinaus populär gemacht zu haben. Drechsler, die Nachfolgeformation des legendären Trios Café Drechsler, hat der Namensspender nun noch einmal verändert und um einen Keyboarder erweitert, dem Konzept eingängiger Dancefloorisierung von Jazz ist die Band auf "The Big Easy" (Cracked
Anegg) treu geblieben, wobei die Bassklarinette tendenziell für die ruhigeren, eher lyrischen Momente, das Tenorsaxofon für die körperbetonte Expressivität zuständig ist.
Als Bassklarinettist ist der Deutsche Rudi Mahall (der sich auf dieses Instrument auch beschränkt) ein echtes Kontrastprogramm zu Ulrich Drechsler. Vor vier Jahren hat die seit über einem Jahrzehnt bestehende Combo Die Enttäuschung gemeinsam mit dem Pianisten Alexander von Schlippenbach auf drei CDs das Gesamtwerk von Thelonious Monk ("Monk's Casino") eingespielt, nun legt das deutsche Quartett ein ebenso benanntes (oder titelloses) Album mit 14 Eigenkompositionen vor (Intakt). Die quasi offizielle Genrebezeichnung lautet Free Bop und ist nicht schlecht gewählt. Wie dem Bop-Giganten Monk kann man den Herren eine gewisse Kauzigkeit nicht absprechen, aber wie bei Monk ist diese mit einer souveränen Lässigkeit verbunden. Nach der löchrigen Gestik von "Tja" setzt "Uotenniw" (ja, genau: verkehrt herum!) auf den Legato-Schmelz von Mahalls Bassklarinette, und "Rumba Brutal" ist in etwa so wörtlich zu nehmen wie Getty Mulligans "Utter Chaos" – sophisticated Augenzwinkern.
Ganz anders als die (wunderbaren) Duos, die sie mit Mahall auf "Evergreen" (2009) eingespielt hat, klingen jene mit Louis Sclavis, die Aki Takase nun auf "Yokohama" (Intakt) veröffentlicht hat. Sclavis, der am Sopran ein wenig an den Zerebralpoeten Steve Lacy erinnert, konzentriert sich hier weitgehend auf die Bassklarinette und schreitet mit der in Berlin lebenden Pianistin (nebstbei auch Duo- und Lebenspartnerin von Alexander von Schlippenbach) auf diesem ebenso vitalen wie poetischen, sperrigen wie süffigen Album so ziemlich das gesamte Spektrum ab, das zwischen zeitgenössischer Kammermusik und Improvisation möglich ist. Hut ab!

Klaus Nüchtern in FALTER 38/2009



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