White Bicycles. Musik in den 60er Jahren

Joe Boyd, Wolfgang Müller


The Thompson Twins.

Pentangle und Fairport Convention waren zwei britische Folk-Supergroups der Sixties - und doch ziemlich verschieden.

ichard Thompson und Danny Thompson waren so etwas wie die Thompson Twins der Sechzigerjahre. Weder verwandt noch verschwägert hatten sie beide entscheidenden Anteil an der prosperierenden britischen Folkmusik und haben über die Jahrzehnte ihrer überaus produktiven Karriere immer wieder miteinander zusammengearbeitet - zum ersten Mal übrigens 1969, auf Nick Drakes Debüt "Five Leaves Left". Der um zehn Jahre ältere Danny, Sohn eines Bergarbeiters, war bereits ein etablierter Bassist der englischen Jazz- und Bluesszene, als er 1967 gemeinsam mit den Gitarristen Bert Jansch und John Renbourn, der Sängerin Jacqui McShee und dem Schlagzeuger Terry Cox die Band Pentangle gründete. Richard, aufgewachsen im wohlbehüteten Nordlondoner Vorort Muswell Hill, war 17 Jahre alt, als er mit seiner Band im legendären Ufo Club auftrat und von dessen Betreiber Joe Boyd sofort unter Vertrag genommen wurde.

Boyd, eine Schlüsselfigur der englischen Popszene, der als Produzent von der Incredible String Band bis zu Pink Floyd und von Nick Drake bis John Martyn einige der aufregendsten Musiker der damaligen Zeit unter seinen Fittichen hatte, erinnert sich in seinem Buch "White Bicycles. Musik in den 60er Jahren" an seine Erstbegegnung mit Richard Thompson und dessen Bandkollegen von Fairport Convention: "Ich stand einer Gruppe guterzogener, junger Leute gegenüber, die sich dem Rock 'n' Roll näherten wie einer Doktorarbeit. Sie verehrten die Kweskin Jug Band, hörten Django Reinhardt und Duke Ellington und spielten die Art von amerikanischem Folkrock, von der ich geträumt hatte. Richard war der Schlüssel. In seinem Spiel scheinen Bass- und Melodiepfeifen des schottischen Dudelsacks ebenso durch wie Barney Kessels und James Burtons Gitarre und Jerry Lee Lewis' Klavier."

Thompson und Thompson, Richard und Danny, Fairport Convention und Pentangle stehen beide für den hellwachen Geist der Sechzigerjahre, mit dem junge Musiker begierig alles aufsaugten und in etwas Neues transformierten; nichts stand ihnen dabei so fern wie ein essenzialistisches Back-to-the-Roots-Denken. "Pentangle was a purist's nightmare", schreibt Pete Paphides, Rockkritiker der Times, in seinen Liner Notes zu der Pentangle-Kompilation "The Time Has Come".

Das Urteil ist zutreffend und irritierend zugleich, denn wenn etwas Pentangle auszeichnet, dann ist es gerade die Reinheit und Homogenität ihrer Musik. Bis zur Auflösung im Jahre 1973 blieb die Besetzung gleich, und egal, ob John Renbourn von der akustischen auf eine (sehr dezent verstärkte) E-Gitarre umstieg oder ob Sitar und Glockenspiel ins Instrumentarium Aufnahme fanden: Stets wurde mittelalterliche Musik oder der Blues, wurden traditionelle Balladen und Tänze oder die vom "authentischen" Material vielfach ununterscheidbaren Eigenkompositionen in unverwechselbare Pentangle-Musik transformiert. Das hat nicht nur mit dem Sound, mit McShees glockenhellem Sopran oder dem bis an die Grenze zur Manieriertheit klangverliebten und subtilen Zusammenspiel der beiden Gitarristen, sondern auch mit dem eher jazzigen als folkrockistischen Zugang zu tun. Es muss eine Freude für Danny Thompson gewesen sein, als er und sein Bass am 29. Juni 1968 die Bühne der Royal Festival Hall (fast) für sich alleine hatten, um Charles Mingus' "Haitian Fightsong" zu sparsamster Schlagzeugbegleitung zu interpretieren. Drummer Terry Cox teilte seine Vorliebe für perkussives Geklingel nicht zufällig mit Connie Kay, dem Drummer des Modern Jazz Quartet. Und eigentlich klingen Pentangle ohnehin so, als könnten jederzeit Cooljazzer wie Jimmy Giuffre oder Stan Getz einsteigen.

ichard Thompson hatte gewiss ebenfalls jazzaffine Ohren, und auf der kürzlich erschienenen CD-Box "Fairport Convention Live at the BBC" gibt es einen kuriosen Auftritt, bei dem er "The Lady Is a Tramp" singt. Dennoch klingen Fairport Convention ganz anders, viel disparater als Pentangle. Keine zwei Alben wurden mit derselben Besetzung eingespielt, und als bei einem Autounfall neben Thompsons Freundin auch Drummer Martin Lamble ums Leben kam, schien das Ende der Band besiegelt. Dass sie dennoch ein viertes Album einspielte und das - soeben neu aufgelegte - "Liege & Lief" ihr erfolgreichstes Album werden sollte, grenzt an ein Wunder. Dave Mattacks saß am Schlagzeug, und der Geiger Dave Swarbrick, der sich nur zögerlich an die elektrische Verstärkung seines Instruments gewöhnt hatte, war nun fixes Mitglied von Fairport Convention und als solches der rechte Mann, um gemeinsam mit Thompson Traditionals wie "The Deserter" oder "Tam Lin" unter Strom zu setzen. Vor der Einspielung von "Liege & Lief" hatten die Bandmitglieder mit großer Begeisterung "Music form Big Pink" von The Band gehört, Sängerin Sandy Denny und der von ihren musikhistorischen Ausführungen infizierte Bassist Ashley Hutchings schafften die traditionellen Balladen heran, mithilfe derer Fairport Convention einen maßgeblichen Beitrag sowohl zur Begründung des Folk Rock als auch zur Europäisierung der Rockmusik leisteten.

Auch Pentangle hatten - und hier schließt sich der Kreis - "Tam Lin" im Repertoire. Die Ballade des schottischen Dichters Robert Burns bildete das Leitmotiv des unter der Regie des britischen Schauspielers Roddy McDowall entstandenen gleichnamigen Films mit Ava Gardner, für den das Quintett 1970 den Soundtrack besorgte. Anders als geplant wurde dieser allerdings nie als Album veröffentlicht. Auf "The Time Has Come" wurden die über den Film verteilten Soundschnipsel von "Tam Lin" zu einem einzigen Song synthetisiert. Sie klingt anders als die Version von Fairport Convention. Ziemlich anders.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2007



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