Frauen und Kinder zuerst...

Mann über Bord


Cello & Tobsucht

Wie auch Mann über Bord! (siehe nächste Rezension) hat mit Bell Etage eine weitere Wiener Band das südsteirische Label Pumpkin Records als Heimat auserkoren. Bell Etage warten mit verspielt arrangiertem Indie-Rock auf, der auf sublime Weise den Geist der Siebziger atmet. Das mag wohl am stimmlichen Pathos des Sängers Ernst Thiefenthaler liegen. Warum auch immer, so wird heutzutage nicht mehr gesungen. Auf Refrains wird gepfiffen, die Songs walzen sich episch aus, die Gitarrenarrangements wollen teilweise etwas zu viel. Ein Cello hingegen ist ohnehin selten fehl am Platz, liebevoll begleitet es das Gros der Stücke. Wer etwa das besonnene Gitarrengezupfe eines Sam Prekop (The Sea and Cake) schätzt, auf emotionale Ausbrüche aber nicht verzichten möchte, könnte auch mal bei Bell Etage vorbeischauen.Politisch korrekte Segelschulen rufen heutzutage: "Person über Bord!" Die schnittige deutsche Poesie der dreiköpfigen Wiener Combo Mann über Bord! nimmt davon keine Notiz: "Die Gurgel brennt, der Nerv durchtrennt. Gefühle, die nicht jeder kennt." An dieser feisten Auffassung von Gebrauchsliteratur könnte sich die Mehrheit deutschsprachiger Rockbands ein Vorbild nehmen. Und musikalisch hat die Band unter Aufsicht des in Wien lebenden Grazer Sängers und Gitarristen Stefan Ehgartner ohnehin die dickeren Scheite im Ofen. Zwischen messerscharfem Post-Punk und dezent versponnenem Art-Core schmiert sich ein butterweicher SH-101, ein Synthesizer-Klassiker. Geht haarscharf an der Zwangseinweisung vorbei.Zum Thema Zwangseinweisung: Dass der nunmehr in L.A. lebende Nate Denver noch nicht geholt wurde, kann nur an einer behördlichen Unachtsamkeit liegen. Im Normalfall veröffentlicht der Grenzgänger unter dem Namen Nate Denver's Neck und gibt auch gerne den rotzfrechen Singer/Songwriter, der vorzugsweise über die Vor- und Nachteile der Hölle singt. Als Dig That Body Up, It's Alive widmet er sich seinem zweiten Steckenpferd: Death Metal mit Kunstanspruch. Dabei unterstützen ihn der aus San Francisco stammende John Dwyer (Ohsees aka OCS, Coachwhips etc.) und der New Yorker Oran Canfield, auch die Labelwahl harmoniert: das Grazer Grenzgängerunternehmen "Rock is Hell". Ganz im Ernst: Eine ganze Länge dieser eigensinnigen Variante von Todesmetall ist kaum zu bewältigen, sparsam dosiert wirkt sie bewusstseinserweiternd.

Tiz Schaffer in FALTER 35/2007



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