Partita 4/Notations/+

David Fray, Bach,J.S./Boulez,P.


Modern Piano

Wenn Pierre Boulez heute in Salzburg oder Bayreuth als Dirigent bejubelt wird, so entbehrt das nicht einer gewissen Ironie.
War er es doch, der in seinen Anfängen als radikaler Avantgardist gern Konzerte störte oder meinte, die Oper sei derart überholt, dass man für sie auch keine Spielstätten mehr brauche.
So milde er geworden sein mag, die revolutionäre Frische seiner frühen Kompositionen ist immer noch spürbar. Das beweist die Neueinspielung seiner "Notations", die, 1945 komponiert, buchstäblich am Beginn der Nachkriegsmoderne stehen. Der junge David Fray (Virgin/ Emi) wird allen Schwierigkeiten dieses kontrastreichen Klavierzyklus und auch der späteren "Incises" mustergültig gerecht. Die Koppelung mit Werken von J.S. Bach, deren Interpretation zudem nicht das gleiche Niveau erreicht, ist allerdings eher eigenwillig.

Für die britische Moderne war in den Fünfzigern Manchester ein wichtiger Kristallisationspunkt. Junge Komponisten wie Harrison Birtwistle oder Peter Maxwell Davies wurden am College of Music mit der kontinentaleuropäischen Moderne bekannt, die davor auf der Insel wenig Resonanz hatte. Das lag nicht zuletzt an Alexander Goehr, der einen besonderen Bezug zur Schönberg-Schule hatte. Sein hochinteressantes Werk ist auf Tonträgern leider schwach repräsentiert, umso erfreulicher die Initiative, den Klavierzyklus "Symmetry Disorders Reach" herauszubringen. Die Stücke reflektieren eine generelle Tendenz von Goehrs Spätwerk, das sich mehr und mehr der Auseinandersetzung mit der musikalischen Vergangenheit zuwendet, ohne freilich das Idiom der Moderne zu verlassen. Huw Watkins spielt auf der Höhe der Komposition (Wergo/Lotus).

Werke für Klavier stellen im Schaffen von Hans Werner Henze eher die Ausnahme dar, hörenswert sind sie aber allemal. Vor allem, wenn sie so vortrefflich wie von Jan Philip Schulze gespielt werden (Col Legno/Lotus). Die Stücke reichen von den Vierzigern bis ins 21. Jahrhundert und sind auch ein Spiegelbild der Entwicklung der Avantgarde nach dem Krieg. Dass das Dramatische bei einem der Bühne besonders Verbundenen wie Henze nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst.

Karl A. Duffek in FALTER 33/2007



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