Ships with Tattooed Sails

Jewels & Binoculars


Bob Schubert

Ob Franz Schubert der Bob Dylan seiner Tage gewesen ist? Wurscht. The proof of the pudding is in the eating, und dass man mit diesen beiden Göttern des Songwritings auf ähnlich gelassene und produktive Weise umgehen kann, beweisen die folgenden Alben. Die Osttiroler Band Franui hat 2006 im Rahmen der Ruhrtriennale am Projekt "wo du nicht bist" mitgewirkt. Ihre schlicht mit "Schubertlieder" (col legno) betitelte CD ist sozusagen der Soundtrack zu diesem "Musik- und Bildtheater". Das Besondere daran: Die Lieder kommen hier ohne Worte aus - nur am Schluss betätigt sich der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf, der auch für Regie und Libretto verantwortlich zeichnete, als erstaunlich talentierter Sänger, der in Tom-Waits-Manier und auf Englisch die Trübsinnigkeit des Textes Lügen straft. Auch scheut sich das Nonett keineswegs vor deftigen Dissonanzen und ruraler Derbheit oder davor, Schubert in die pannonische Tiefebene zu entführen, vermeidet aber bei aller Freude an scharfen Kontrasten das Elend des Parodistischen. Dass die melancholischen und gespenstischen Seiten Schuberts keineswegs übersehen werden, macht das Album zu einer rundum gelungenen Produktion.

Nicht ganz unähnlich ist der Ansatz von Hannes Löschel, der auf "Herz.Bruch.Stück" (Loewenhertz/Extraplatte) mit seinem Oktett Schubert, Johann Strauß, traditionelle Wienerlieder und Kinderlieder zu einem Reigen zusammengestellt hat, in dem auch für zappelige Improvisation, jazzigen Groove und rockistisches Pathos genug Platz ist, und beweist: Schubert lässt sich auch ins Americana-Großformat bringen ("Die Nacht"). Text gibt's genug, und Klemens Lendls trockener, dezidiert unvirtuoser Vortrag passt fürs Herzblut genauso perfekt wie für den Schweinkram.

Michael Moore (as, cl), Lindsey Horner (b) und Michael Vatcher (dr) haben sich schon vor Jahren zusammengetan, um unter dem Namen Jewels and Binoculars den Nachweis zu erbringen, dass Bob Dylan auch ohne Lyrics Bestand hat. Auf "Ships with Tattooed Sails" (Upshot/Extraplatte), ihrem dritten Album, sind sie mit "Spirit on the Water" in der unmittelbaren Gegenwart von His Bobness angelangt und werden bei ihren leichtfüßig-eleganten Auslegungen von Bill Frisell kongenial unterstützt.

Klaus Nüchtern in FALTER 32/2007



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