Subhuman

Recoil


Mute tut gut

Dreißig Jahre nach seiner Gründung ist das legendäre Londoner Label Mute Records zwar längst nicht mehr "independent", beglückt aber nach wie vor mit Manifestationen musikalischen Eigensinns.

Der von Mute Records gepflegten monochromen Ästhetik zum Trotz eint den bunten Reigen von Acts, der sich hinter den Aushängeschildern Nick Cave, Moby, Einstürzende Neubauten und Depeche Mode tummelt, einzig die exzentrische Vorliebe des allmächtigen Firmengründers Daniel Miller. Auch wenn die große Industrie (EMI) schon vor fünf Jahren die Finanzhoheit übernahm und der einst so stolze Independent-Betrieb heuer, im dreißigsten Jahr seines Bestehens, die alte Zentrale samt Studio, Büros und Plattenlager dem Rotstift opfern musste, ist der stoppelglatzige Miller bei den Londoner Gigs "seiner" Bands verlässlich anzutreffen.

Dennoch wurde Labelfrischling James Chapman alias Maps ein wenig nervös, als der Boss persönlich auf Hausbesuch kam: "Daniel Miller wollte schauen, was für Geräte ich benütze. Vielleicht um zu sehen, ob ich meine Musik auch wirklich selber mache." Chapman produziert seine in glitzernde Soundscapes gehüllten Songs im Haus seiner Eltern in einem Dorf außerhalb von Northampton. "Ich arbeite bis in die frühen Morgenstunden. So findet man ohne Ablenkungen zu dem, was im eigenen Kopf vorgeht." Die sanft hingehauchte Stimme auf dem Debütalbum "We Can Create" wird die Eltern kaum aus dem Schlaf gerissen haben. Obwohl unter dem Rasseln der Drum Machines ein Faible für alte Indiebands wie Spacemen 3, Ride oder die Stone Roses mitschwingt, versteht Chapman Maps als "elektronisches" Projekt.

Das liegt wohl am Einfluss des Labelchefs, schließlich brachte Miller schon so manch andere seiner Schützlinge auf den Geschmack. Darunter etwa den 22-jährigen Alan Wilder, als jener 1982 nach dem Abgang von Vince Clark bei Depeche Mode an den Keyboards einsprang. "Damals wusste ich überhaupt nichts von elektronischer Musik", gesteht Wilder heute. "Aber dann traf ich Daniel Miller." Als er Depeche Mode 1995 im Unfrieden verließ, hatte Alan Wilder sich zu einem wesentlichen Soundbastler der Popmusik entwickelt. Seither lebt er mit dem Soloprojekt Recoil von Zeit zu Zeit seine Studiofantasien aus. Eines Tages googlete Wilder die Worte "Blues" und "Singer-Songwriter" und stieß dabei auf Joe Richardson aus Austin, Texas: "Diese Stimme sprang mich aus meinen kleinen Computer-Lautsprechern an. Auf den Bildern sah er ganz wild aus, also dachte ich: Oh je, der will sicher nichts mit mir zu tun haben. Aber das Gegenteil war der Fall."

Richardsons rauer Gesang und sein Slide-Gitarrenspiel dominieren weite Teile des neuen Recoil-Albums "subHuman". Das apokalyptische Schlüsselstück "5000 Years" mündet in die spukhafte Stimme eines amerikanischen Fernsehpredigers: "Wenn nötig, würde Gott einen Tyrannen großziehen, um die Freiheitsinteressen der ethisch Aufrechten zu beschützen." Das Zitat kommt von einer Kassette, die Wilder schon in Depeche-Mode-Zeiten für atmosphärische Klangfetzen verwendete. Was damals noch lachhaft erschien, sei im aktuellen politischen Klima der USA "mittlerweile eigentlich ziemlich normal", findet Wilder.

Während sich Wilder - millionenfach verkaufte Popsongs im Köcher - den Luxus zehnminütiger Epen leistet, lassen sich die Liars auf ihrem titellosen vierten Album erstmals überhaupt zu konventionellen Formaten herab. Gitarrist Aaron Hemphill überwindet seine Scheu vor dem ordinären Saitenschlag, und die Eltern von Sänger Angus Andrews sind "zum ersten Mal mit einer unserer Platten zufrieden, weil etwas Hörbareres herausgekommen ist", erzählt Andrews. "Wir haben uns daran erinnert, was wir hören wollten, als wir jung waren und Musik oder Liebe das Wichtigste im Leben waren, nicht das Zahlen von Rechnungen oder der Job."

Genau das tut auch Richard Hawley, bloß klingt das Ergebnis in seinem Fall nach der prägenden Plattensammlung seines kürzlich verstorbenen Vaters, eines Metallarbeiters: Glen-Campbell-artige Streicher, flotte Rockabilly-Exkursionen, zuckersüße Slide-Gitarrenlinien à la Santo & Johnny. "Lady's Bridge", das fünfte Solowerk des ehemaligen Pulp-Gitarristen mit der warmen, sonoren Stimme zelebriert einmal mehr die melancholische Liebe zu seiner nordenglischen Heimatstadt, wo "große, haarige Ex-Stahlarbeiter" die Busse chauffieren: "Und alle nennen einander, Love'. Das kann uns keiner nehmen. Einer der traurigsten Orte in Sheffield ist Magna, ein zu einem Museum umgebautes, ehemaliges Stahlwerk. Pulp spielten dort ihren letzten Gig, und meine Söhne lieben es, aber mir bricht es das Herz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Zukunft ein Museum für Callcenter-Telefonisten oder Pizzalieferanten geben wird."

Das Stück "Roll River Roll", mit dem Hawley an die Opfer der großen Überschwemmung von 1864 erinnern wollte, erlangte tragische Aktualität, als vor wenigen Wochen die sieben Flüsse wieder über die Ufer traten und die halbe Stadt verwüsteten. "Mir kam es so vor, als hätte ich einen Fluch über Sheffield gebracht", sagt Hawley. "Schließlich geht es in dem Song um die vergessenen Geister der Ertrunkenen, die die Ufer des Flusses heimsuchen."

Robert Rotifer in FALTER 32/2007



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