A Hawk And A Hacksaw And The Hun

A Hawk And A Hacksaw And The Hun


Fahrendes Folk

Das US-Duo A Hawk And A Hacksaw, demnächst bei Glatt & Verkehrt, setzt sich mit osteuropäischer Musiktradition auseinander. Die New Yorker Gipsy Punks Gogol Bordello, unlängst bei "Live Earth", überzeichnen sie klischeehaft.

Jeremy Barnes trägt bei Konzerten mit Vorliebe eine Schellenmütze auf dem Kopf, doch er ist kein Narr. Bei dem Exschlagzeuger der einflussreichen US-Indieband Neutral Milk Hotel und nunmehrigen Multiinstrumentalisten im Folkduo A Hawk And A Hacksaw, das er mit der Klezmergeigerin Heather Trost betreibt, hat die Verkleidung vorrangig praktische Gründe.

Mitunter bedient Barnes bei Konzerten nämlich parallel eine Vielzahl von Instrumenten. Mit den Händen spielt er Akkordeon, mit den Füßen und dem rechten Knie Schlagzeug bzw. Percussion und per Kopfwackeln eben auch Schellen. Dass ihm das nicht zur bloßen "Seht her, was ich kann"-Zirkusnummer gerät, ist eigentlich ein Wunder. Es spricht für die Ernsthaftigkeit, mit der der Mittdreißiger in fremden musikalischen Revieren wildert.

Die bislang vier CD-Veröffentlichungen unter dem Namen A Hawk And A Hacksaw dokumentieren Barnes' Auseinandersetzung mit osteuropäischer Musik. Man nenne es Folk, Folklore oder Volksmusik, der Schnauzträger aus Überzeugung jedenfalls hat die Traditionen Rumäniens, Ungarns oder der Türkei intensiv studiert. Studieren, das meint: hinfahren und mit den Leuten vor Ort spielen. Anders als dem Indie-Balkanisierer Zach Condon alias Beirut, mit dem er befreundet ist und dessen Album "Gulag Orkestar" er produzierte, geht es Barnes weniger darum, Kulturen zu vermischen, als so tief wie nur möglich in andere Kulturen einzudringen. Das ist nicht so hip, aber es zeitigt mitunter umso schönere Ergebnisse.

"Ich möchte Musik machen, die ohne Worte eine Geschichte erzählt", umreißt er seinen Zugang. "Wie die Geschichte geht, soll sich der Hörer selber ausmalen." Überhaupt beziehen die oft improvisatorischen Darbietungen von A Hawk And A Hacksaw ihre Intensität aus der Reduktion. Ebenso wie auf Worte verzichtet Barnes auch auf Effekte, viel lieber sind ihm natürliche Sounds, denn: "Wenn man genau hinhört, sind die oft bizarrer als die Effekte eines jeden Audioprogramms."

Jeremy Barnes versteht sich als Livemusiker. Seine Biografie gibt die Auskunft, er habe neben seiner Heimat in Albuquerque, New Mexico, auch in England, Frankreich, Tschechien und Ungarn gelebt, doch den Großteil des Jahres ist er als fahrender Musiker ohnehin unterwegs. Zuhause ist dort, wo er sein Schlagzeug aufbaut und mit lokalen Musikern spielt. Etwa mit dem Roma-Bläserensemble Fanfare Ciocarlia, das auf dem jüngsten Album von A Hawk And A Hacksaw, "The Way the Wind Blows", zu hören ist.

Die ungarischen Folk- und Jazzmusiker Béla Ágoston (Klarinette, Dudelsack), Zsolt Kürtösi (Kontrabass), Ferenc Kovács (Trompete) und Balázs Unger (Cimbalom) wiederum trafen Barnes und Heather Trost bei einem Budapest-Aufenthalt in einem Musikladen. Und weil man sich am besten kennen lernt, wenn man zusammen musiziert, wurde in Windeseile die EP "A Hawk And A Hacksaw and The Hun Hangár Ensemble" aufgenommen, die vorsichtig modernisierte Traditionals aus Ost- und Südosteuropa enthält und von traurigen Weisen bis zu Humptaklängen mit ungarischem Dudelsack das volle Spektrum abdeckt. Über die gemeinsamen Liveauftritte wird Großes gemunkelt, am Wochenende sind die beiden Gruppen beim Festival Glatt & Verkehrt zu hören (siehe Kasten). Begonnen hat A Hawk And A Hacksaw in der Duoform übrigens mit einem Gespräch über Béla Bartók. "Heather spielte mir Bartóks, Sechs rumänische Tänze' vor", erinnert sich Barnes. "Von da an übten wir und hörten Musik aus Griechenland, Ungarn, der Türkei und Rumänien."

Hütz And The Béla Bartóks, das wäre der shmoove Name gewesen, den Eugene Hütz sich ursprünglich für seine nun Gogol Bordello genannte Gipsy-Punk-Kapelle ausgedacht hatte. Nur: "Niemand in den USA weiß, wer zum Teufel Béla Bartók ist." Und noch ein biografisches Detail verbindet den mit seinem "Live Earth"-Auftritt an der Seite von Madonna endgültig berühmt gewordenen Rabauken Hütz mit Jeremy Barnes. Beide haben Erfahrungen mit Flüchtlingslagern. Während Letzterer jedoch lediglich einmal wöchentlich in England ein Lager besuchte, um dort mit Persern Musik zu machen, musste der Ukrainer Hütz selbst eine jahrelange Odyssee durch europäische Flüchtlingslager, inklusive eines Zwischenstopps im österreichischen Traiskirchen, antreten, ehe er Mitte der Neunziger in die USA einreisen durfte. In New York machte er sich als Balkan-Beats mit Punk-Rock mixender DJ schnell einen Namen, nach und nach trommelte er andere Musiker mit Emigrantenbackground für Gogol Bordello zusammen.

Die derzeit omnipräsente Band treibt das "Spiel, Zigeuner, spiel!"-Klischee schnapstrunken auf die Spitze. Kritik durch Überaffirmation? "Einerseits bekämpfe ich das Klischee vom Osteuropäer, andererseits bin ich das Klischee", sagt Hütz, der als Schauspieler momentan für Madonnas Regiedebüt "Filth and Wisdom" vor der Kamera steht. Eine Prognose: Wenn der Mann nur seine eigene Rastlosigkeit auf Dauer aushält, hat er das Zeug zum närrischen Gesamtkunstwerk.

Sebastian Fasthuber in FALTER 29/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×