Cross Symbol

Justice


Radaubrüder

Ähnlich unsubtil agieren Digitalism, ein Duo aus Hamburg. Doch wo Justice den Holzhammer mit Charme schwingen, sind die deutschen Kollegen lediglich geübte, derb-funkige Loops aneinanderreihende Dienstleister. "Idealism" (Kitsuné/Virgin/Emi) ist für große Tanztempel gemacht, besticht durch seinen hohen Euphorisierungsgrad, lässt jedoch Popsensibilität vermissen. James Ford dagegen weiß, wie ein guter Song, zu dem man tanzen kann, klingt. Als Produzent hat er das kurzweilige Album der New-Rave-Platzhirsche Klaxons oder auch die Arctic Monkeys abgemischt. Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum von Daft Punks Meisterwerk "Homework" legt eine Reihe jüngerer Produzentenduos Arbeiten vor, die mehr oder weniger deutlich an den krachenden Discosound der beiden Franzosen anknüpfen. Die heißeste Adresse sind Justice, und das nicht allein aufgrund der Tatsache, dass sie ebenfalls aus Paris kommen und von Daft Punks Exmanager betreut werden. "Cross Symbol" (Ed Banger/Warner), das Album mit dem Kreuz am Cover, könnte sich gut zum "Homework" der nächsten Generation auswachsen. Der Sound wummert hemmungslos übersteuert und klingt doch im weitesten Sinne poppig, die Beats peitschen hart, aber herzlich. Das musikalische Referenzsystem, aus dem Justice ihre kleinen Erkennungsmelodien schöpfen, reicht, grob eingekreist, von den Jackson Five über DJ Pierre bis AC/DC: Brachialpop für den Dancefloor, der erstaunlicherweise über die volle Albumlänge funktioniert. Mit seinem eigenen Projekt Simian Mobile Disco, das er zusammen mit Jas Shaw betreibt, werkelt der Londoner seit geraumer Zeit an der Fusion von Großraumdiscofutter und Pop. "Attack Decay Sustain Release" (Wichita/Edel) versteht sich als Werkschau und versammelt im lockeren Mix Singles und neue Stücke. Schließlich ist da noch "Fancy Footwork" (Chromeo/ Universal), das zweite Album des kanadischen Retroduos Chromeo. Wo die Kollegenschaft die Neunziger beklaut, befindet man sich hier noch tief in den Achtzigern. Amtlicher Elektro trifft auf schön schmierige Yuppiemelodien. 2007 eine völlig unhippe Übung, aber mit umso größerer Meisterschaft absolviert.

Sebastian Fasthuber in FALTER 29/2007



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