TWENTY FIVE

George Michael


Hl. Soulus, sing für uns!

Es geht ihm gut. George Michael betritt nach der Pause seines
Bratislava-Konzerts wieder die gigantomanische Bühne, die er von
mehreren Dutzend Trucks ins ansonsten charmant abgewohnte
Fußballstadion transportieren ließ. In der ersten Konzerthälfte hat
der englische Sänger griechisch-zypriotischer Abstammung bereits den
Beweis erbracht, dass er immer noch der beste Crooner seiner
Generation ist. Er hat einen ganzen Songblock nur zum Piano in den
Himmel über Bratislava gesungen und ansteckend beweint, dass John,
Elvis und Marvin tot sind.

Jetzt geht es ans Eingemachte, um nichts weniger als die
Königsdisziplin seines ureigenen Soulpopfachs - darum, ins Reine zu
kommen und Frieden mit sich selbst zu machen. Und wie bestellt,
beginnt sie auch schon zu wimmern, die anachronistische Kirchenorgel
zu Beginn von "Faith", Michaels Achtzigerjahrehit, zu der man sofort
das Bild des Halbstarken mit Sonnenbrille, Lederjacke und
Dreitagesbart aus dem Videoclip vor sich hat.

Neben dem Wham!-Schönling ist dieser an der Jukebox lehnende
Möchtegernrebell eines der frühen prägenden Bilder von George
Michael, und es ist eines, das der Meister selbst viele Jahre lang
bekämpft hat. Das sei nicht er selbst gewesen, wurde er in der Folge
nicht müde zu betonen, sondern nur ein Gesicht, das er für MTV
aufgesetzt habe. Nach langem Versteckenspielen und einer Phase, in
der er sich in Videos von Supermodels vertreten ließ, ist Michael nun
soweit, den Gesichtern seiner imagemäßig manchmal doch etwas
peinlichen Vergangenheit ins Auge zu blicken. Die Fransenlederjacke
bleibt zwar im Fundus, ihr Fehlen wird jedoch auf der aufwendigen
Jubiläumstournee "25 Live" mit exzessivem Popowackeln kompensiert.

In Momenten wie diesem zeigt sich, was George Michael über die
Tatsache, dass er den sinnlichsten Soulpop seit Marvin Gaye
produziert, hinaus so anrührend macht. Es sind die vielen
Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen, die er in sich vereint. Dass
er immer beides gleichzeitig war, sexbesessener Sünder und reumütiger
Christ, Verkörperer eines radikal oberflächlichen Zeitgeists und
reflektierender Zeitgenosse, Starkultgünstling und Medienkritiker -
einer, der narkotisiert am Steuer seines Autos einschläft und zur
selben Zeit nach über einem Jahrzehnt Bühnenabstinenz eine
Konzerttournee in der Form seines Lebens absolviert.

"25 Live" entschädigt in jedem Moment dafür, dass Michael sich so
rar gemacht hat. Wie er mit seinen letzten, beinahe perfekten Alben
"Listen Without Prejudice Vol. 1" (1990), "Older" (1996) und
"Patience" (2004) bewies, ist er nicht nur ein makelloser Interpret,
er zählt auch zu den begabtesten Songschreibern. Freilich nutzt er
seine Fähigkeiten zu selten. Der Abstand zwischen den Platten wird
von Mal zu Mal größer und seine Songkunst ist inzwischen so weit
gereift, dass sie für die Popcharts von heute nicht mehr wirklich
relevant ist.

Im Konzert vor treuen Fans und vielen, die vor allem seine
MTV-Gesichter kennen und nur bruchstückhaft mitsingen können, macht
das nichts aus. Michael dehnt Balladen wie "Jesus to a Child" oder
"Praying for Time" schier endlos aus, lässt die vielköpfige Funkband
in seinem Rücken Discostücke wie "Amazing" oder "Flawless" furios auf
den Punkt grooven und wirkt gelöst, ja, für seine Verhältnisse
regelrecht befreit. Grinsen, Popowackeln, danke für die Lieder. Doch,
es geht ihm gut.

Sebastian Fasthuber in FALTER 28/2007



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