Beauty & Crime

Suzanne Vega


Porno und Poesie

Zugegeben: Die Neuigkeit, dass Suzanne Vega nach sechs Jahren
wieder eine neue Platte am Start hat, ist jetzt vielleicht nicht die
große Sensation des Musiksommers 2007. Die Pause war lang, und schon
längst hatte die Singer-Songwriterin, die auf ewig mit ihrem zu Tode
genudelten Konsens-Hit "Luka" identifiziert werden wird, das
problematische Image der politisch korrekten, zart feministischen
Ödbärin weg.

Stimmt nicht, meint Vega beim Falter-Interview lachend. "Die Leute
halten mich für diese schüchterne, zerbrechliche Pazifistin,
Vegetarierin und Buddhistin, aber die bin ich nicht. Ich brezle mich
gern auf, ich tanze und ich kann sehr wütend werden. Neulich habe ich
meine Festplatte zerstört, als ich mit der Faust auf den Computer
schlug!" Vega hat Phasen der Rebellion und des Rückzugs hinter sich.
In den Neunzigern experimentierte sie mit elektronischen Klängen und
Industrial-Sounds. Abgesehen von ein paar Störgeräuschen kam aber
doch wieder der für sie typische Wohlfühl-Folksound heraus.

Dann wurde es ganz ruhig um sie. "Mein letztes Album ist zwei
Wochen nach 9/11 erschienen", erklärt die seit ihrem zweiten
Lebensjahr in New York lebende Sängerin die lange Abwesenheit. "Die
Platte floppte. Bei Konzerten wollten die Leute wissen, wie es in New
York ist. Und ich hatte lauter Songs im Programm, die von meiner
Scheidung handelten." Statt ihrer Karriere ordnete Vega zunächst ihr
Privatleben, heiratete ein zweites Mal und "schrieb fünf Jahre lang
fast nichts". Zum Jahreswechsel 2005/06 fasste sie einen Vorsatz:
"Drei Stunden pro Tag und drei Tage pro Woche arbeiten." Das klingt
passabel. Diese Neunstundenwoche hat nun "Beauty & Crime"
hervorgebracht, eine neue Songsammlung, die sich musikalisch zur
Harmonie als Strategie bekennt. In einer Zeit, in der das Credo "Ich
rocke" flächendeckend gilt und der Machismo im Pop wieder einmal
fröhliche Urständ feiert, kommt dieses Comeback durchaus zur rechten
Zeit. Wie weit draußen die inzwischen 48-jährige Vega mit ihrer Musik
ist, zeigt sich daran, dass sie live bizarrerweise zum
Veteranentreffen "Lovely Days" in St. Pölten - mit Uriah Heep und
ehemaligen Doors-Musikern - gebucht wurde.

Die Qualitäten von "Beauty & Crime" liegen aber ohnehin weniger in
der dezenten, getragenen Musik, die selbst Lee Ranaldo von Sonic
Youth an der Gitarre in ätherische Sanftheit verfallen lässt. Es sind
die Texte, die die Songs auszeichnen und daran erinnern, dass Vega
immer schon eine Meisterin der charmant bündigen Rede war. An einer
Stelle imaginiert sie New York als Frau, die jeden anzieht, aber
keinem treu ist: "New York is a woman and she'll make you cry / And
to her you're just another guy".

Die neuen Songs wurden inspiriert von Spaziergängen durch ihre
Heimatstadt, die sie mit ihrer 13-jährigen Tochter unternommen hat.
Vegas Perspektive reicht dabei über 9/11 weit hinaus. Einerseits
finden sich sehr private Momente wie "Ludlow Street". Hier besucht
sie die Clubs, in denen sie in den Achtzigerjahren feierte, zwanzig
Jahre später noch einmal; diesmal aber, um ihren - inzwischen
verstorbenen - Bruder zu suchen und auf Entzug zu schicken.

Anderes ist von Zitaten und Büchern beeinflusst. "Frank & Ava"
geht von einem wunderbaren Satz aus, den Ava Gardner über ihre
turbulente Beziehung zu Frank Sinatra gesagt haben soll: "Wir haben
uns nie im Bett gestritten, der Streit hat am Weg zum Bidet
begonnen." Einen Song über Schönheit widmet Vega den Frauenfiguren in
Edith Whartons Romanen. Und in "Pornographer's Dream" fragt sie sich:
"She's a pornographer's dream, he said / I knew what he meant / But
it made me imagine what kind of a dream / He would have". So wird aus
Posex raffinierte Poesie.

Sebastian Fasthuber in FALTER 26/2007



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