Sinfonie 1

Jansons/Concertgebouw o., Gustav Mahler


Gut, aber auch oft

Ins Aufnahmestudio bekommt man die Spitzenorchester dieser Welt aus Kostengründen nur mehr in Ausnahmefällen, stattdessen stehen Livemitschnitte auf der Tagesordnung. Das muss durchaus kein Nachteil sein, bringt doch die Aufführung vor Publikum im besten Fall emphatischeres Spiel und höhere Konzentration. Ein schönes Beispiel dafür ist die Einspielung der 1. Symphonie von Gustav Mahler duch das Concertgebouw Orchester unter Mariss Jansons (RCO Live). Im eigenen Haus mit seiner berühmten Akustik werden die Amsterdamer ihrer langjährigen Tradition als Mahler-Orchester par excellence gerecht und spielen in erstklassiger Form, auch ist die Interpretation frei von jedweden Manierismen. Insbesondere im SACD-Format wird man zudem mit ausgezeichnetem Klang verwöhnt.

Die Berliner Philharmonie ist da schon eine wesentlich schwierigere Location, und den Tontechnikern gelingt es leider nicht, die jüngste Aufnahme von Anton Bruckners 4. Sinfonie (EMI) angemessen in den Griff zu bekommen. Die Tutti geraten unscharf, die Balance der verschiedenen Orchestersegmente ist oft eigenartig. Schade ist das vor allem deshalb, weil Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eine besonders im Finale interessante, nie übertrieben wuchtige Deutung vorlegen.

Anhänger der alten Dirigentenschule eines Furtwängler oder Mengelberg sind bei Christian Thielemann immer gut aufgehoben. Die Wiener Staatsoper wird er nicht übernehmen, also bleibt ihm auch weiterhin ausreichend Zeit, die superben Münchner Philharmoniker zu leiten. Neuestes gemeinsames Produkt ist die in dunklen Farben kräftig gezeichnete 1. Sinfonie von Johannes Brahms, gekoppelt mit Beethovens Egmont-Ouvertüre, ebenfalls präzise durchgearbeitet und höchst expressiv (DGG/Universal). Die Aufnahme aus dem Gasteig in München lässt keine klangtechnischen Wünsche offen

Freilich: Da das Konzertrepertoire gerade der besten Orchester oft recht schmal ist, kommen immer mehr Liveaufnahmen der immer gleichen Werke zustande. An erstklassigen Interpretationen etwa der hier genannten Sinfonien herrscht kein wirklicher Mangel, und ob daher auf diesem Weg der marode Klassikmarkt zu retten sein wird, ist sehr fraglich.

Karl A. Duffek in FALTER 25/2007



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