Alarm

Peter Brötzmann


Gut gebrötzt, Mann!

Es gibt Menschen, die verfügen über einen anderen Energiehaushalt, eine andere Betriebstemperatur. Man muss sich deswegen gar keine Sorgen machen, denn auch eine anthropologische Ausnahmeexistenz wie Peter Brötzmann kann im Alter von 66 Jahren weiterhin Dienst mit der Tröte jenseits aller Vorschriften leisten, ohne dass er Abnutzungserscheinungen zeigen würde. Das auf Konserve gebannte Werk des deutschen Freejazzpioniers (siehe auch Artikel auf S. 20) ist üppig, die Alben des Labels Free Music Production (FMP) erscheinen nun laufend als Reissues - zuletzt der Mitschnitt eines Konzerts der neunköpfigen Peter Brötzmann Group von 1981, das nach 40 Minuten wegen eines Bombenalarms abgebrochen wurde; passender Titel: "Alarm" (Atavistic/Trost). Apropos sprechende Namen: Wenn Bands schon Low Life oder Last Exit heißen, darf man davon ausgehen, dass hier keine Gefangenen gemacht werden. Die nun auf einer CD (Jazzwerkstatt) vereinigten Aufnahmen von 1986/87 dokumentieren, wie Brötzmann am Basssaxofon (!) im Duo mit dem Bassisten Bill Laswell in die tieferen Gesteinsschichten freier Improvisation vordringt und dabei Firlefanz wie Groove durch eherne Beharrlichkeit ersetzt; als Türsteher des Last Exit wurden noch Gitarrist Sonny Sharrock und Drummer Shannon Jackson hinzugezogen, die Brötzmanns lodernden Tenorkaskaden Struktur und Widerpart zugleich verleihen.

Tendenziell da knüpft auch die jüngste Formation an: Das Powertrio mit Marino Pliakas am E-Bass und Michael Wertmüller am Schlagzeug zeigt auf dem wiederum äußerst adäquat betitelten "Full Blast" (Jazzwerkstatt) große Abneigung gegen Pausen und setzt auf binnendifferenziertes Gleichmaß in der Rasanz, die manchen Zuhörer - nach 14 Minuten Dauerfeuer - wohl mehr erschöpfen als die Musiker. Das Trio Sonore mit Mats Gustafsson und Ken Vandermark hingegen tobt sich nicht schlechterdings in Saxofonschlachten aus, sondern steuert auch ruhigere Gefilde an, wo es vor allem der Klarinette anheimgestellt ist, die erhitzten Kollegen zu besänftigen und Momente von fast sakraler Kontemplation anzusteuern. Mit 66 hat man schon auch noch Träume, weil: "Only the Devil Has No Dreams" (Jazzwerkstatt).

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2007



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