Don't Let Them Down

Lichtenberg


Nichts geschenkt

Musik ist kein Hobby: Der Oberösterreicher Franz Reisecker alias Lichtenberg startet in sein zweites Jahrzehnt als Profimusiker.

Heutzutage als Musiker zu leben, ist kein Honigschlecken. Das MP3-Zeitalter mag aus flüchtigen Datenhaufen bestehen, kulturell hinterlässt es umso tiefere Spuren. "Bei den jungen Leuten ist die Wertigkeit der Musik leider sehr gefallen", zuckt Franz Reisecker die Schultern. Wenn er im Nachtleben mit Jungen rede, heiße es oft: ,Echt, du machst Musik? Schenk sie mir!' Ich sage dann, dass ihnen der Bäcker auch keine Semmeln schenkt. Für die ist Musik nur ein Hobby."
Für den aus Oberösterreich stammenden, mit Punk- und Gitarrenrock sozialisierten Franz Reisecker alias Lichtenberg ist Musik nicht nur "etwas Heiliges", sie ist auch sein Beruf. Seit Anfang der Neunziger in legendären Kapellen wie den Occidental Blue Harmony Lovers, Mastalsky oder später dem Orchester 33 1/3 aktiv, hat sich der heute 44-Jährige vor zehn Jahren entschlossen, allein vom Musizieren zu leben. Das klappt, "weil ich kein Kind und kein Auto habe, meine Lebenshaltungskosten sind nicht sehr hoch".
Gestartet ist er als Lichtenberg ("den Autor habe ich gar nicht gekannt, ich hatte eine Bekannte, die so hieß") 1997 mit dem Album "Music for Refreshing the Systems". Eine doppelte Erfrischung. Nach vielen Jahren an der Gitarre lebte Reisecker darauf seine Liebe für Synthesizerklänge und die damals angesagten Drum-'n'-Bass-Beats aus. Und die Arbeit an der Musik brachte dem ehemaligen Behindertenbetreuer nach einem Burnout neue Zuversicht. "Die erste Platte war schon ein Höhepunkt", sagt Reisecker. Mit "Rigoletto" enthält sie sein Meisterstück, eine melancholische Hymne, zu der es nicht viel mehr brauchte als einen Streichersound und ein Drumloop. Drei weitere Alben sind danach entstanden, auf denen sich auch wieder die Gitarre und die Songform zurückmeldeten und die für ihren Macher "mal besser, mal weniger gut" funktionierten; eher weniger das letzte Album "Flimmern" (2003) mit deutschen Texten.
Ungefähr zu der Zeit ging es dafür mit Reiseckers Tanzcombo Trio Exklusiv (mit Mex Wolfsteiner, Richard Klammer, Martin Zrost) steil bergauf. Die Bühnen wurden größer, Festivals im Ausland kamen dazu und für das zweite Album wechselte das Quartett zu einem Majorlabel. Ende 2006 ist der erklärte Sturschädel dennoch ausgestiegen, "eher im Zorn". Es habe für ihn nicht mehr gepasst: "Wenn ein Projekt wächst, wachsen die Egos in verschiedene Richtungen. Es ist schade, wir haben mit dem Livespielen gut verdient, aber wir haben uns auch nur mehr wiederholt."

Kurzzeitig hat Reisecker gegrübelt, dann warf er den Computer an und durchforstete sein großes Lichtenberg-Soundarchiv. Und siehe da: "Jetzt taugt's mir wieder." Wohl auch deshalb, weil er nicht ganz auf sich allein gestellt ist. Auf dem Jubiläumsalbum "Don't Let Them Down" geben sich auch andere Szenegrößen wie Oliver Welter, Gustav, Christof Kurzmann oder Markus Binder die Ehre. Entstanden ist eine abwechslungsreiche und doch homogene Platte zwischen Pop und düsteren Klängen.
Reisecker hat sich wieder erfrischt. Er betreibt inzwischen sein eigenes Label Schiff ahoi, schon im Oktober soll das nächste Album kommen, eine Art "Best of" mit Stücken aus zehn Jahren in neuen Versionen. Und auch darüber hinaus hat er Ideen: "Ich würde gern eine richtige Popplatte hinknallen. Aber die einfachen Sachen sind die schwierigsten. Sonst hätte jeder ständig einen Hit."

Sebastian Fasthuber in FALTER 23/2007



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