BLACK RAIN

Ozzy Osbourne


Ozzy, der Träumer

Metal-Gott Ozzy Osbourne hat ein neues Album. An einem Freitag, dem 13., sollte der "Falter" in London mit ihm darüber sprechen. Doch es kam anders. Eine Annäherung an ein Alien.

Wo ist Ozzy? Eine Journalistengruppe wartet in den Londoner Abbey Road Studios seit einer Stunde auf das Erscheinen einer der letzten übergroßen Figuren des Rock'n'Roll. Der Mann kann es sich leisten, warten zu lassen: Er hat den Hardrock miterfunden, auf offener Bühne einer Fledermaus den Kopf abgebissen und inzwischen auch den Status einer comichaften Selbstparodie hinter sich gelassen. Ozzy Osbourne ist einfach. Das gelingt im Showgeschäft nur ganz wenigen.

Dennoch wird die anfangs geduldige Schar - eine Mischung aus langhaarigen Redakteuren von Metalmagazinen, ihre Aufregung durch gespieltes Desinteresse überspielenden Musiknerds und ehrlich desinteressierten Presse-Jetsettern - langsam nervös. Dass an dem Ort, an dem die Beatles Musikgeschichte geschrieben haben, heute weichgespülter Jazzpop dudelt, macht die Sache auch nicht besser. Es macht eher aggressiv.

Da hat die Promoterin der Plattenfirma eine Idee. Man könnte sich zur Einstimmung doch schon mal Ozzys neues Werk "Black Rain" reinziehen. Zweifellos gibt es Dinge, die die Welt heute dringender braucht als ein Album des Prince of Darkness. In Wahrheit beruht sein musikalischer Ruhm auf den ersten fünf Platten, die er von 1969 bis 1973 als Frontman von Black Sabbath aufgenommen hat ("Black Sabbath" bis "Sabbath Bloody Sabbath"). Die meisten Soloalben, die er seit 1980 herausgebracht hat, sind ein Witz dagegen. Kommerziell war er mit seinem auf Schockeffekte setzenden Achtzigerjahre-Metal freilich sehr erfolgreich.

"I'm like a junkie without an addiction", grölt Ozzy 2007. Es ist also auch auf "Black Rain" fast alles beim Alten geblieben: Zu breitbeinigem, streng wertkonservativem Rock setzt es kindlich-naive Texte mit teils gewagten Bildern. Ein wenig Black Sabbath und Psychedelik dürfen anklingen, dafür müssen auch Reminiszenen an den Achtziger-Ozzy und soundtechnische Annäherungen an Nachfahren wie Marilyn Manson sein. Am besten sind, wie immer, die schnulzigen Balladen.

Die englische Label-Frau hat sich inzwischen zur Verstärkung eine amerikanische Kollegin geholt. Statt "Meet Ozzy Osbourne" verkündet sie: "Ozzy ist nicht da." Und wird an diesem Tag auch nicht mehr kommen. Aus familiären Gründen, wie es heißt; angeblich hatte Sohn Jack in der Nacht zuvor einen Blinddarmdurchbruch. Mit so was ist nicht zu spaßen. Ozzy, seit der Realitysoap "The Osbournes" als treu sorgender Familienvater bekannt, will nicht vom Krankenbett weichen. "Freitag, der 13.", meint die Promoterin mit müdem Lächeln.

Enttäuschung macht sich breit. Jetzt erst geht einem auf, wie gern man ihm gegenüber gesessen wäre und ihn beobachtet hätte - mit all seinen Ticks und Manierismen, die seit "The Osbournes" legendär sind. Einmal an Ozzys Lippen hängen und hören, ob die Worte, die von diesen geformt werden, überhaupt zu verstehen sind - das wär schon was gewesen. Nicht einmal die Fotos von Menschen, die gerade den berühmten Zebrastreifen in der Abbey Road fotografieren, wollen gelingen. Die Touristen auf den Spuren der Beatles drehen sich weg. Kein guter Tag.

Ozzy Osbourne hat solo und mit Black Sabbath fast hundert Millionen Platten verkauft. Er ist reich und mächtig. Doch auch er kann es sich nicht erlauben, zwei Dutzend Journalisten einfliegen zu lassen, ohne sie dann mit O-Tönen zu versorgen. Als Ersatz wird von der Plattenfirma eine Woche später ein Telefoninterview angesetzt. Die Erwartungen sind gering, Ozzy hört angeblich auch schlecht. Doch dann ist er am Apparat und wirkt erstaunlich aufmerksam und klar für einen, der fast vierzig Jahre strenge Alkohol- und Drogendiät gehalten hat. ",Black Rain' ist die erste Platte, die ich ganz ohne Drogen und Alkohol aufgenommen habe", dringt es leiernd aus dem Hörer. "Eine großartige Erfahrung, ich kannte das nicht."

Von plötzlichen Erleuchtungen gestreift, so haben wir unsere Stars gern. Erstmals scheint Ozzy wirklich abstinent zu sein. Wahrscheinlich hat er deshalb seine erste Platte seit sechs Jahren gemacht. Er braucht Beschäftigung, jetzt, wo keine MTV-Kameraleute mehr Tag und Nacht sein Haus belagern.

Schnell verlagert sich das Gespräch denn auch auf "The Osbournes", diese grelle, letztlich aber tief berührende TV-Serie über eine schrecklich nette Familie. Ozzy schwört: "Es gab kein Drehbuch. Wir haben einfach gemacht, was wir immer tun. Durch die Anwesenheit der Kameras ist die Situation nach und nach eskaliert. Ständig waren zwölf, 15 Kameras im Haus. Da muss man durchdrehen. Die ganze Familie ist verrückt geworden, speziell für meine Kinder war die Serie nicht gut."

Manchmal verliert er im Gespräch etwas den Faden oder verfällt in ein verwaschenes Murmeln. Dann wieder entweichen ihm verblüffende Einsichten: "Wissen Sie, warum meine Tochter Kelly so unbeliebt ist? Die Leute mögen keine Kinder von Stars. Denken Sie mal drüber nach. Es heißt immer, Kinder von Stars hätten es leicht im Leben, dabei mag sie keiner. Nehmen Sie nur die Söhne von John Lennon, die tun mir furchtbar leid."

Über die Beatles spricht Ozzy besonders gern. Er ist in England in sehr bescheidenen Verhältnissen groß geworden und hat davon geträumt, ein Beatle zu sein, oder dass seine Schwester einmal Paul McCartney heiratet. "Ich war ein Träumer. Die anderen Kinder haben mich gefragt, was ich mal erreichen will. Ich habe gesagt, ich will wie ein Beatle sein und ein schönes Auto haben. Sie haben nur gelacht. Ein schönes Auto, das war damals unvorstellbar."

Weil er nicht singen konnte wie Paul und John, sang Ozzy eben lauter. Auf diese Weise wurde bei Black Sabbath aus alten Bluesrock-Mustern und einer gehörigen Portion Frust und Langeweile der Hardrock geboren. Ozzy weiß: "Ohne Black Sabbath würde es keinen Ozzy Osbourne geben." Und stellt überraschend in Aussicht: "Ich bin noch nicht fertig mit Black Sabbath. Ich möchte immer noch ein großartiges Black-Sabbath-Album machen." Das Problem ist nur: "Es müsste richtig gut sein. Wahrscheinlich würde ein neues Album die Erwartungen enttäuschen, der Gedanke jedoch reizt mich."

Anknüpfungspunkte an die seinerzeit beackerten Themenfelder gäbe es mehr als genug: "Als wir damals, War Pigs' machten, hatte ich keine Ahnung, wie weit es einmal kommen würde. Ich verstehe nicht, was gerade mit diesem Planeten passiert, es macht mir einfach Angst." Er sehe viel fern, erklärt Ozzy, "vielleicht zu viel". Die Bilder machen ihm zu schaffen: "Diese verdammten Nachrichtenkanäle zeigen immer nur schlechte Nachrichten. Echos davon verfolgen mich im Schlaf."

"Black Rain" will trotzdem keine Weltuntergangsstimmung verbreiten. Ozzy ist Alien, Zeitgenosse, Geschäftsmann, Träumer - in erster Linie aber begreift er sich als Entertainer: "Ich bin es gewohnt, auf die Bühne zu gehen und den Leuten Freude zu bereiten. Wissen Sie: Besser 58 und ein ausgeflippter Rocksänger sein, als im Irak zu kämpfen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 22/2007



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