The Boy with No Name

Travis


Honigkreis im Haferschleim

Travis-Sänger Fran Healy frühstückt Porridge und fordert Thom Yorke zum Songduell, Rufus Wainwright hat's am Hals und Jeff Tweedy geht es besser als zuletzt.

Ein paar überforderte Neonröhren einer tristen Proberaumkantine im immer noch schäbigen Viertel nördlich des King's-Cross-Bahnhofs versuchen surrend wettzumachen, was ein dunstiger Londoner Morgen an Sonnenlicht verweigert. Ein ganz in Grau gekleideter Mann Mitte dreißig mit graumeliertem Haar und Stoppelbart schlurft zur Tür herein und bestellt sich an der Theke sein Frühstück. Fran Healy sieht sich um, identifiziert mich prompt als seinen Interviewer und setzt sich mit einem Teller voll Haferschleim an meinen Tisch. In seinem vom Leben in London mittlerweile hörbar aufgeweichten Glasgower Akzent lässt Healy eine spontane Tirade über den Zustand der britischen Musikindustrie und-presse vom Stapel. Vielleicht, sinniert der Sänger einer Band, die über acht Millionen Platten verkauft hat, sollte man wieder ganz unten anfangen und ein Gratisfanzine gründen - und zieht dabei mit einem Löffel Honig einen erstaunlich exakten Kreis in seinen Haferschleim.

"The Boy with No Name", der Titel des neuen Albums von Travis, bezieht sich übrigens auf Healys Sohn. Er und seine deutsche Frau Nora, deren Streitgesprächen der Song "Battleships" mit pointierten Streichersätzen Tribut zollt, konnten sich nämlich lange auf keinen Namen für den Balg einigen. Mittlerweile heißt er Clay.

Das Cover zeigt die Band auf einem New Yorker Hausdach, hat Healy sich doch den Traum einer Wohnung im Greenwich Village erfüllt. Nicht zufällig klingt der ebendort geschriebene Song "New Amsterdam" mehr als nur einen Deut nach Simon & Garfunkel in der "Bookends"-Phase. Eine Vorliebe, für die sich Fran Healy keineswegs geniert, habe ihm doch Patti Smiths Gitarrist Lenny Kaye neulich versichert, dass es seiner Generation eigentlich nie um Punk oder Credibility, sondern immer nur um das edelste aller Anliegen gegangen sei - den Popsong. Das, bekennt Healy mit einer leidenschaftlichen Verve, die in seinem schmeichelsanften Gesang so kaum je zum Vorschein kommt, sei sein einziger Maßstab: "Ich fordere Thom Yorke (Radiohead-Frontman, Anm. d. Red.) heraus, den besten Popsong zu schreiben, den er zustande bringt." Ja, es ist Hybris, aber von der sympathischen Sorte.

Womit man zwanglos zu Rufus Wainwrights soeben erschienenem fünftem Album, "Release the Stars", überleiten kann, dessen opernhafte Arrangements vom somnambulen Timbre seiner Stimme ganz wunderbar selbstherrlich sabotiert werden, so als taumelte er im gürtellosen Schlafrock mit Frühstücksei am Revers durch die Prunkräume von Sanssouci, dem der erklärte Freund der Stadt Berlin und Umgebung hier einen Song widmet. Von den - laut einem Interview mit der Zeit - in Zell am See gekauften Lederhosen mit persönlichem Monogramm, die der 33-Jährige im Coverbüchlein trägt, war jedenfalls nichts zu sehen, als "Release the Stars" vor einigen Wochen in den schnieken Air Studios in Hampstead präsentiert wurde.

Mit dem Ausklingen des Titelsongs kam ein winkender Wainwright zur Tür herein und badete schüchtern lächelnd im Applaus, ehe er von einer Traube interessierter junger Herren in geknöpften Strickwesten (das must der Londoner Saison) umringt wurde. Sein Schal dürfte nicht nur Dekoration gewesen sein, denn tags darauf wurde unser Interview wegen Erkrankung abgesagt.

Glücklicherweise sprang für ihn Jeff Tweedy ein, Chef der großen amerikanischen Rockband Wilco, der gerade zur Bewerbung des neuen Werks "Sky Blue Sky" in der Stadt weilte.

Wie Wainwright in "Going to a Town" kontrastiert auch Tweedy die amerikanische Gegenwart mit der deutschen Vergangenheit. Während Wainwright Berlin als "einen Ort, der schon einmal geschändet wurde" der amerikanischen Arroganz der Unbesiegten vorzieht, verwendet Tweedy Deutschland und Japan als Metaphern für die autoritäre Richtung, in die er seine Heimat schlittern sieht: "Für uns sind das klassische Beispiele für die Frage, wie man es je so weit kommen lassen konnte", erklärt Jeff Tweedy. "Dass wir das immer betrachtet haben, als ob dergleichen bei uns nie passieren könnte, hat dazu beigetragen, dass sich die gegenwärtigen Zustände einschleichen konnten."

Dabei ist "Impossible Germany" ein eher untypisches Stück auf diesem von Tweedys Überwindung diverser Süchte, der Konsolidierung der Bandbesetzung und dem Wiederaufbau seines Privatlebens beseelten Album. Lärmpassagen fehlen, und auch die Texte sind "romantischer als je zuvor", mit Ausnahme des aus der Perspektive eines Stehengelassenen geschriebenen "Hate It Here": "Das nennt meine Frau den Lügnersong. Ich versuchte nur, mich in einen Junggesellen hineinzuversetzen. Ich weiß ja nicht einmal, wie man eine Waschmaschine bedient."

Wir holen dich da raus, Jeff.

Robert Rotifer in FALTER 21/2007



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