SHOCK VALUE

Timbaland


Der Königsmacher

Sein Name wird schnell mal mit dem von Justin Timberlake verwechselt. Kein Wunder, Timbaland klingt ja auch sehr ähnlich. Außerdem ist der für seine Beatkreationen bekannte Produzent aus Virginia nicht weniger berühmt als sein singender Kollege, mit dem er nun in Wien gastiert. Aus dem direkten Google-Duell geht er sogar als eindeutiger Gewinner hervor: 7,9 zu 5,6 Millionen Einträge. Für einen Produzenten hat Timothy Mosley alias Timbaland einen ungewöhnlich hohen Popularitätsgrad erreicht, wie Phil Spector, Brian Eno oder Rick Rubin. Wo die meisten Kollegen im Hintergrund bleiben, zählt er zu jenen, die bewusst das Rampenlicht suchen. Er beschränkte sich nie auf das Abmischen von Songs und startete Ende der Neunziger nicht nur als Produzent von Missy Elliott durch, er trat auch gleich rappend an ihrer Seite in Erscheinung. Überhaupt verfügt er über ein beträchtliches Mundwerk und nennt sich selbst gern den "Mozart der Beats".

Tatsächlich kreierte er einen eigenen Sound. Phil Spector hatte die Wall of Sound, Timbaland baut Beats. Dabei versteht er sich weniger als Baumeister denn als Architekt: Er arbeitet sehr bewusst mit Raumvorstellungen und oft findet sich in seinen Arbeiten genau dort, wo der gemeine HipHop-Produzent ein Bumm oder ein Tschack hinmachen würde, nichts. Wie die alte Weisheit besagt: "Funk is what you don't play."

Nach einem Durchhänger vor zwei, drei Jahren hat sich Timbaland einer Frischzellenkur unterzogen und seinen etwas eingefahren wirkenden Sound mit grellen Synthesizern aufgemotzt und Richtung Pop adjustiert. Zusammen mit seinem Co-Produzenten Nate "Danja" Hills drückt er diesen Stempel nun jedem auf, dem er in die Quere kommt. Mit Justin Timberlake und Nelly Furtado sind jeweils komplette Alben entstanden. Zuletzt war der Serientäter mit Madonna, Björk, Duran Duran, Coldplay, 50 Cent, Missy Elliott und Whitney Houston im Studio.

Timbalands Soloalben waren dagegen bislang nur mäßig erfolgreich. Dass er auch in diese Richtung nach wie vor Ambitionen hegt, beweist sein neues Werk "Shock Value", das von der Plattenfirma als "das Soloalbum des Starproduzenten" beworben wird. Was als Ansage irreführend ist, denn das angebliche Soloalbum wartet mit nicht weniger als 21 (!) großteils berühmten Gästen auf, etwa Dr. Dre, Elton John, Nicole Scherzinger, The Hives, 50 Cent. Für die Single "Give It to Me" krallte sich Timbaland gleich seine besten Zugpferde Timberlake und Furtado.

"Shock Value" ist also weniger ein Schock als ein Marketingtool für alle Beteiligten; die meisten von ihnen stehen praktischerweise beim selben Label wie Timbaland unter Vertrag. Was abseits von gezielter Marktaufbereitung möglich wäre, zeigt das unpackbar funkige Solostück "Oh Timbaland", in dem der Meister Nina Simones "Sinner Man" in den Teilchenbeschleuniger schmeißt. Mit eher peinlichen Ausflügen in Rockgefilde überschreitet er dagegen seinen Zuständigkeitsbereich. Dann schon lieber Aerobic mit Madonna!

Sebastian Fasthuber in FALTER 21/2007



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