The Long Memory

Clara Luzia


"Das Bier holt mich raus"

Clara Luzia kann nicht laut singen. An der Schnittstelle von Folk und Indiepop zählt die Wiener Singer/Songwriterin aber auch mit leisen Tönen zu den interessantesten Popstimmen des Landes.

Clara Luzia ist überpünktlich zum Interview erschienen und hat sich bereits ein Brot bestellt. Was wie ein Nachmittagssnack aussieht, erweist sich als Hauptmahlzeit. Seit sie vor zehn Jahren zum Studieren nach Wien kam, würde sie sich vorrangig von Broten und Tee ernähren, erklärt die 28-jährige Musikerin. Ein Apfel und ein Teller Salat zwischendurch seien auch drin - und vor allem gäbe es da noch den regelmäßig konsumierten Gerstensaft. "Das Bier holt mich raus", meint sie lachend. "Aufstrichbrot und Tee alleine wären wahrscheinlich ein bisschen nährstoffarm."

Wie Clara Luzia so dasitzt und über die Vorzüge einer Bierdiät philosophiert, könnte man sie für eine Punksängerin halten. Die Haare sind kurzgeschnitten, die Nase ziert ein auffälliger Ring, und bereits am kleinen Finger prangt eine Tätowierung. Tatsächlich hat ihre Musik aber rein gar nichts mit kreischenden Gitarren, schepperndem Schlagzeug und wütendem Gebrüll gemein. Die in einem niederösterreichischen Dorf nahe der tschechischen Grenze aufgewachsene Singer/Songwriterin spielt die Gitarre ausschließlich akustisch, geht sehr zurückhaltend mit ihrer fragilen und doch ungemein präsenten Stimme um und lässt sich von einer fünfköpfigen Band begleiten, die mit punkunverdächtigen Instrumenten wie Cello und Ziehharmonika aufwartet.

Luzias Lieder kombinieren Folk mit Indiepop, die Grundstimmung ist meist melancholisch. Nach dem hervorragenden letztjährigen Debüt "Railroad Tracks" klingt auch das neue Album "The Long Memory" auf berührende, aber nie selbstverlorene oder gar prätentiöse Weise anders als glücklich. "Ich probiere immer wieder, fröhliche Lieder zu schreiben, aber die sind dann nicht schön, sondern banal", erklärt die als Clara Luzia Maria Humpel geborene Künstlerin, und fast klingt es wie eine Entschuldigung. "Ich habe einfach nichts Fröhliches zu sagen. Auch als Hörerin berührt mich fröhliche Musik nicht wirklich."

Dementsprechend laufen bei der Politologin ohne Studienabschluss zu Hause auch vornehmlich melancholische Sachen. "Ich mag dieses traurige Glücklichsein. Irgendwie kommt bei mir jede Emotion aufs Traurigsein zurück. Selbst wenn ich glücklich bin, macht mich das traurig, weil der Moment des Glücks ja ein Ende impliziert." Als pubertär will sich Luzia wegen ihrer Glücksskepsis nicht bezeichnen lassen. "Ach, ich finde das nur realistisch. Und, okay, wahnsinnig optimistisch bin ich eher nicht."

Als Kind träumte Clara Luzia von einer Karriere als Balletttänzerin, fertigte mit einer Freundin im Kinderzimmer Kassettenhörspiele an und lernte Blockflöte, Klavier und Geige. "Ich wollte immer schon ein bisschen angeben", erinnert sie sich. "Bei der Geige war mir klar: Erwachsene finden es total beeindruckend, wenn kleine Kinder ein angeblich so schwieriges Instrument lernen. Mich haben auch ständig alle danach gefragt, und ich dachte mir: cool! Leider ist dann die Pubertät dazwischengekommen, da fand ich es plötzlich nicht mehr so cool, Geige zu spielen."

Die Gitarre erarbeitete sich Luzia als Teenager autodidaktisch, relativ bald entstanden eigene Songs. "Ich kann bis heute keine Noten lesen und weiß auch erst seit kurzem, wie die Saiten heißen. Daher habe ich eigene Lieder gemacht, denn die konnte ich logischerweise auch spielen. Es ging darin um Drogen und den Tod, lauter Dinge also, von denen man in diesem Alter eh keine Ahnung hat." Bereits mit 15 trat Luzia solo mit Gitarre im Vorprogramm der Band ihrer älteren Schwester auf; Anfang zwanzig gründete sie die inzwischen wieder aufgelöste Folk-Pop-Band Alalie Lilt und stieg bald zum Liebkind der Wiener Singer/Songwriterszene auf.

Eigentlich wollte ich immer gerne laute Sachen machen, aber ich höre mich wie ein Trottel an, wenn ich es versuche", erklärt Luzia ihren Stil. "Das finde ich an Courtney Love so beeindruckend: dass die derart schreien kann und trotzdem gut klingt und tolle Melodien hat." Bei allen musikalischen Unterschieden verbindet die ruhige Clara Luzia aber doch mehr als nur ihre Initialen mit Kurt Cobains lauter Witwe - die Trennung zwischen Künstlerin und Privatperson fällt bei beiden schwer: "Ich kann nur autobiografisch schreiben, was aus zwei Gründen problematisch ist. Es geht immer nur um mich, dabei wären andere Dinger ja interessanter. Und dass ich so viel von mir preisgebe, ist auch nicht immer angenehm, weil so jeder weiß, was gerade wieder los ist. Aber ich kann nicht anders und will mich auch nicht selbst zensurieren." Eine Offenheit, die andererseits auch ihre Vorteile hat: "Über die Musik habe ich das Gefühl, aus der bürgerlichen Frau Humpel rauszukommen."

Die bürgerliche Frau Humpel bestreitet ihren Lebensunterhalt derzeit noch mit einem Teilzeitjob bei der Austria Presse Agentur, was Clara Luzia aber nicht sehr einschränkt: Die Arbeit am dritten Album hat bereits begonnen, im Juli steht eine kleine Spanientour an, und im Herbst erscheint "The Long Memory" auch in Deutschland. Ihrem skeptischen Wesen zum Trotz hält Luzia es durchaus für denkbar, in absehbarer Zeit von ihrer Musik leben zu können. "Reich werde ich sicher nicht damit, aber das Aufstrichbrot, das wird sich schon ausgehen."

Gerhard Stöger in FALTER 20/2007



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