Portrait

Barry Guy, Jazz


Wohn im Saxofon!

Der britische Bassist und Bandleader Barry Guy ist, das kann und muss man so sagen, ein Leuchtturm in der Landschaft der europäischen Jazz- und Free-Improve-Szene und darüber hinaus (gemeinsam mit seiner Frau, der Barockviolinistin Maya Homburger) auch noch ein wichtiger Akteur in der Alten Musik. Dieses beeindruckend breite Schaffen wird auf dem Album "Portrait Barry Guy" (Intakt) dokumentiert. Begleitet wird die CD von einem überaus informativen Booklet, in dem Guy auch selbst Auskunft gibt - etwa über die Entwicklung des seit Beginn der Siebzigerjahre fast drei Jahrzehnte bestehenden London Jazz Composers Orchestra (LJCO), eine der aufregendsten und vitalsten, Komposition und Improvisation in kontrastreicher und hochdynamischer Spannung haltenden Großformationen des zeitgenössischen Jazz.

Auch schon ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat das Trio Evan Parker - Barry Guy - Paul Lytton, gleichsam ein Molekül aus der Urformation des LJCO. Das jüngste Album "Zafiro" (Intakt) ist der Mitschnitt eines Barcelona-Konzerts vom Vorjahr und belegt die ungebrochene, klischeeresistente Kraft des Trios. Hier kann Guy sein extrem volatiles und ein stupendes Klangspektrum umfassendes, nie aber hohl-virtuoses Bassspiel demonstrieren; hier kann Lytton der Physis der von ihm beklopften Instrumente nachsinnen; hier kann Parker seine fast syntaktisch phrasierten, immer neu ansetzenden Tenorlinien ausbreiten oder die Zuhörer mit den Loops des zirkularbeatmeten Sopransaxofons zu synästhetischer Empfindung verhelfen; hier macht die Rede von der "Soundlandschaft" wirklich Sinn - wohn in Evan Parkers Saxofon!

Einen ganz anderen Klangraum betritt man auf "Composition / Improvisation Nos. 1, 2, & 3" (ECM/Lotus). Guy und Parker wirken hier als Teil des 14-köpfigen Transatlantic Art Ensemble unter Leitung des Saxofonisten Roscoe Mitchell an einem Konzert/Album mit, das wohl zum Überraschendsten und-zeugendsten gehört, was man in letzter Zeit "aus dieser Ecke" vernehmen konnte: eine ebenso klare wie lyrische, mitunter fast spätromantisch anmutende Musik von betörender Schönheit.

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×