Burial

Burial


Bass und Bässer

Das neue Ding aus London heißt Dubstep. Im Rahmen der Reihe "Into the City" kommen dessen Protagonisten nach Wien.

Dubstep, brauch ma des überhaupt? Ein wenig Vorsicht ist angesichts neuer musikalischer Trendsportarten aus dem Londoner Underground tatsächlich angebracht. Im Fall von Dubstep - nach UK Garage, 2Step und Grime der jüngste Soundbastard aus Reggae, HipHop, Techno und einer sehr großzügig bemessenen Portion Bass - ist sie aber unbegründet. Nicht von ungefähr wird der vielschichtige Dubstep hierzulande im Rahmen der Wiener Festwochen vorgestellt und nicht auf von Wodkaerzeugern ausgerichteten Clubbings.

Im Vergleich zu seinem hektischen, aggressiven Großonkel Drum'n'Bass taugt er auch nur bedingt als Soundtrack für hedonistische Umtriebe. Angesichts der mitunter vertrackt synkopierten Rhythmen und einer vergleichsweise langsamen Geschwindigkeit stellt sich sogar die Frage, wie man zu Dubstep überhaupt tanzt. Von seiner Genealogie her ist er eben nicht nur für den Dancefloor gemacht, getragen wird er von einer Reihe einzelgängerischer Schlafzimmerproduzenten vor allem aus Südlondon.

Kreativzentrale und gleichzeitig wichtigster Vermittler des Dubstep ist Steve Goodman. Anfang der dreißig zählt er bereits zu den älteren Exponenten der Bewegung. Andere mögen frischer sein, er verfügt über einen breiten Horizont, ist er doch seit der Breakbeatwelle Anfang der Neunziger schon auf einigen Soundwellen mitgesurft. Ab 2000 arbeitete Goodman, frustriert von der Stagnation des Drum'n'Bass, an einem eigenen, tiefer gehenden Sound. Tiefer bezieht sich hier auch auf die mächtigen Subbässe, die Dubstep definieren.

Nach einigen Maxis auf seinem Label Hyperdub veröffentlichte Goodman im vergangenen Jahr gleich zwei fantastische Alben. Unter dem Namen Kode9 und mit Unterstützung des MCs The Spaceape erschien das apokalyptische, von finsteren Prophezeiungen durchzogene "Memories of the Future", als Burial veröffentlichte er das in Sachen Soundwissenschaft noch einen Schritt weiter gehende "Burial", das in den Bestenlisten verschiedenster Musikgazetten auftauchte.

Dubstep klingt oft düster, verfügt jedoch über entschieden mehr Seele als Drum'n'Bass. Statt "härter, schneller, lauter" haben sich seine Produzenten die Lust am Experiment auf die Fahnen geschrieben. Der eine geht dabei mehr Richtung Dancefloor, der andere Richtung Dub/Reggae/Roots, mal wird auf MCs zurückgegriffen, oftmals sind Dubsteptracks auch rein instrumental gehalten. Das schafft einen Spielraum, der verhindern sollte, dass sich das kreative Potenzial der von Kode9, Digital Mystikz, Plasticman oder Skream getragenen Szene schnell wieder erschöpft.

Für "Into The City" haben Hans Kulisch, Alfred Pranzl und Wolfgang Schlag vom Musikmagazin Skug einen Dubstep-Schwerpunkt mit drei Partys und einem Chilloutabend samt Dubstep-Lecture und Filmvorführung zusammengestellt. Programmierter Höhepunkt ist der Auftritt von Kode9 & The Spaceape, aber auch sonst sollte sich die eine oder andere schöne Entdeckung machen lassen. Übrigens sind nicht nur London und die zweite Dubstep-Hochburg Bristol mit von der Partie, sondern auch schon einige kontinentaleuropäische Dubstepper, darunter DJs aus Wien.

Sebastian Fasthuber in FALTER 19/2007



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