Strauss, R.: Don Juan; Rosenkavalier Suite;...

Richard Strauss, New York Philharmonic, Lorin Maazel


N.Y. P. Download

Erstmals seit sieben Jahren gastieren die am Zenit ihres Könnens stehenden New Yorker Philharmoniker unter Lorin Maazel in Wien.

Als Lorin Maazel 2002 das New York Philharmonic Orchestra als Chefdirigent übernahm, gab es so manchen bösen Kommentar. Das Orchester habe wieder einmal einen in die Jahre gekommenen Maestro gewählt, der es nicht mit irgendwelchen Experimenten belästigen werde. Sensationelles sei jedenfalls nicht zu erwarten. Fünf Jahre später, kurz vor Ablauf des Vertrags, fällt die Bilanz freilich anders aus. Zwar ist das Repertoire in der Tat weitgehend traditionell geblieben, aber Maazel hat in der Qualität des Orchesterspiels ein Niveau erreicht, das selbst für ein solches Spitzenensemble erstaunlich ist. Wer etwa die New Yorker kürzlich mit Mozarts letztem Klavierkonzert erleben durfte, der konnte einen Nuancenreichtum und eine souverän-gelassene Spielfreude wahrnehmen, die die Aufführung selbst in der dürren Akustik des Stammhauses, der Avery Fisher Hall, zum Fest werden ließen.

Seit vorigem Jahr muss man für solche Hörerlebnisse auch nicht mehr unbedingt nach New York fliegen. Im Rahmen eines Dreijahresvertrags mit der Deutschen Grammophon bietet das Orchester pro Saison vier seiner regulären Konzerte als Download sowie ein weiteres sowohl als Download als auch auf CD an. Via iTunes kostet ein gesamtes Konzert 9,99 Dollar, einzelne Tracks bekommt man für 99 Cent.

Im ersten Jahr wurde bis zu 15.000-mal heruntergeladen, das ist angesichts der üblichen Verkaufszahlen von Klassiktonträgern sehr beachtlich. Mehrere Orchester beschreiten mittlerweile diesen Weg der Vermarktung. Die Gründe liegen auf der Hand: Es fallen kaum Zusatzkosten an. Beispiel New York: Die Konzertserie findet ohnehin statt, zusätzliche Aufnahmetermine gibt es keine. Der hauseigene Toningenieur der Philharmoniker produziert aus den jeweils besten Aufführungen eine Masteraufnahme, die geht an die DG in Hamburg, anstelle eines Beihefts gibt es einfach das Konzertprogramm in elektronischer Form - fertig. Die durch Datenkomprimierung verringerte Klangqualität gegenüber traditionellen Tonträgern wird in Kauf genommen.

Zudem ist der Einzelhandel - gerade in den USA - am Verschwinden. Selbst Tower Records ging bankrott und schloss sämtliche 89 Filialen. In Manhattan eine Klassik-CD in einem Geschäft zu kaufen, ist zwar eine gerade noch lösbare Aufgabe, aber in Kansas sieht das schon anders aus. Ginge es nach Zarin Mehta, dem Präsidenten des Orchesters, wäre deshalb die jährliche CD-Veröffentlichung überhaupt nicht notwendig. Zum Start des Europa-Gastspiels kommt sie freilich rechtzeitig: Soeben ist die erste, gelungene CD erschienen - mit einem Richard-Strauss-Programm. Das wahre Highlight der bisher zugänglich gemachten Programme ist aber ein anderes: Aus Anlass des hundertsten Geburtstags von Dmitri Schostakowitsch dirigierte Lorin Maazel letzten Herbst das 1. Cellokonzert und die 5. Sinfonie.

Und wieder ist es das blitzsaubere Orchesterspiel, das den Effekten dieser Werke nichts schuldig bleibt. Der Kritiker der New York Times, nicht eben ein Freund von Maazel und auch sonst nicht zu Superlativen neigend, musste zugestehen: "Man kann mit gutem Grund Maazels Stückauswahl kritisieren, seine zeitweilig perversen Interpretationen und seine generelle Abgehobenheit vom musikalischen Leben der Stadt, aber es ist schwer zu leugnen, dass seine Musiker großartig klingen."

So darf man auf die kommenden Festwochenkonzerte - mit einem rund um Brahms gruppierten Programm - sehr gespannt sein. Vor allem der Schlusspunkt, Bartóks Konzert für Orchester, sollte mit diesem Ensemble ein besonderes Ereignis werden.

Eine gewisse Ironie begleitet Lorin Maazels Wiener Gastspiel trotz allem: Ausgerechnet mitten in die Diskussion um den künftigen Staatsopernchef kommt der einst Glücklose und schon nach zwei Jahren vom Direktorenposten Vertriebene wieder nach Wien. Vielleicht sollte er den potenziellen Kandidaten erklären, dass der Job im Haus am Ring nicht unbedingt zu den lustigsten gehört. Dann könnte der eine oder andere ja seine Ambitionen noch überdenken ...

Karl A. Duffek in FALTER 18/2007



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