The Reminder

Feist


Leslie Feist dürfte mit ihrem neuen Album von der heimlichen Prinzessin der kanadischen Musikszene zum globalen Popstar avancieren. Die Chansonnette ohne Allüren über künstlerische Aufrichtigkeit, Heimatgefühle und Liebeskummer.

Leslie Feist wusste nicht, dass ihr nächstes Interview mit einem Fotoshooting beginnen sollte. Es war dann aber eh kein Problem; die Frau, die alle Welt nur unter ihrem Nachnamen kennt, fragte lediglich, ob man in der Sonne bleiben könne. Ein scheinbar plausibler Wunsch, fand das Treffen doch bei prächtigem T-Shirt-Wetter im Hof eines Wiener Innenstadthotels statt. Die Begründung der Kanadierin überraschte aber doch. Sie würde ihre Sonnenbrille gerne aufbehalten - und ohne zugehörigen Sonnenschein wirke das stets etwas aufgesetzt und blöd.

Eine unscheinbare Episode, die für Leslie Feist aber ebenso charakteristisch ist wie die Tatsache, dass sie dann doch auch im Schatten posierte - mit und ohne Sonnenbrille. Aufgesetzt und blöd zu agieren, dafür ist kein Platz in der Welt der 31-jährigen Musikerin, die als Solokünstlerin, als Mitglied des Indierockkollektivs Broken Social Scene sowie als Kollaborateurin ihrer guten Freunde Peaches und Gonzales in den letzten Jahren zur heimlichen Prinzessin der prosperierenden kanadischen Musikszene aufgestiegen ist.

Leslie Feist zählt zu den bemerkenswertesten Stimmen im gegenwärtigen Pop. Sie weiß das vermutlich auch, lässt es sich aber nicht anmerken. Fragt man etwa, wann sie die Wirkung ihrer wunderbaren Stimme entdeckt habe, reagiert sie mit einem Lachen, das aber nicht kokett, sondern wirklich bescheiden wirkt. "Wenn ich diese Frage beantworte, so heißt das ja, dass ich dieser Einschätzung zustimme", sagt sie. "Und da bin ich mir nicht so sicher. Jedenfalls war Musik nie etwas, über das ich nachdenken musste, sondern das kam immer instinktiv aus mir raus."

Feists ausgezeichnete neue Platte, "The Reminder", ist soeben erschienen. Die 13 Songs werden niemanden enttäuschen, der schon den Vorgänger, "Let It Die", mochte; überhaupt dürften die herzerweiternden Popchansons der Kanadierin zum genre-übergreifenden Konsenssoundtrack dieser Saison werden. Rund 400.000-mal hat sich "Let It Die" weltweit verkauft; zu Hause in Kanada wurde die Künstlerin dafür mit Platin, in Frankreich mit Gold ausgezeichnet. Entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen der Plattenfirma, die in Feist Credibility und Hipness mit großem kommerziellem Potenzial vereint sieht.

Ob die Musikerin darauf vorbereitet ist, womöglich zum globalen Millionenseller zu werden? "Wie könnte man auf so etwas bloß vorbereitet sein", antwortet sie kopfschüttelnd. "Ehrlich gesagt fürchte ich mich eher davor, als dass mich dieser Gedanke großartig in Aufregung versetzen würde. Was natürlich ein kleiner Widerspruch ist, schließlich hofft jeder Künstler, dass die Welt seine Kunst auch mitbekommt." Problematisch werde es, wenn nicht mehr das Werk, sondern der Künstler im Zentrum stehe, erklärt Feist ihre Bedenken. "Meine Platten sind so etwas wie meine Infanterie, die sich in unzählige Häuser einschleicht und dort die Stereoanlagen erobert. Landet aber nicht mehr meine Musik, sondern die Person Feist in diesen Häusern, so kann man sehr schnell zu einer Figur wie Lindsay Lohan werden. Die ist weltberühmt, ich wusste bis vor kurzem aber nicht, wofür. Erfolg ist ein zweischneidiges Schwert - er kann deiner Kunst auch mächtig im Weg stehen."

Feist tanzte zuletzt auf zwei Hochzeiten: Während sie in manchen Ländern bereits zum Popstar aufgestiegen war, wurde sie anderswo noch als "Indie"-Künstlerin verehrt. "Ich weiß, dass ich da eine ziemliche Grätsche hingelegt habe, aber ich will mir darüber nicht den Kopf zerbrechen", sagt sie. "Diese Situation hat ja weniger mit mir selbst als vielmehr mit den unterschiedlichen Sichtweisen von außen zu tun. Wie ist das beispielsweise mit dem Wasserglas, das hier vor mir steht? Ist es halb voll oder ist es halb leer? Ist das Wasser Indie oder ist es Mainstream? So lange ich mich nicht verändere, erscheinen mir diese Kategorien als irrelevant. Und so lange ich abends ruhig einschlafen kann, weil ich auf meine Arbeit stolz bin, kann eigentlich nichts schiefgehen."

Schon in der Schule sang Leslie Feist in einer Punkband, später wurde daraus Indierock. 1997 begann sie zu Hause am Vierspuraufnahmegerät mit der Arbeit an ihrem ersten Soloalbum, das 1999 erscheinen und praktisch ausschließlich bei Liveauftritten erhältlich sein sollte. Irgendwo zwischen filigranem Folk, melancholischem Indiepop und schwelgerischem Chanson fand die junge Kanadierin zu einer ganz eigenen künstlerischen Sprache, die so ganz anders ausfiel als jene ihres alten Freundes und heutigen Produzenten Gonzales sowie ihrer einstigen WG-Mitbewohnerin, der späteren Elektro-Punk-Ikone Peaches. Trotzdem stand die wandlungsfähige Künstlerin mit den beiden zeitweise auch gemeinsam auf der Bühne; Bitch Lap Lap nannte sich Feist, wenn sie ausgelassen die körperbetonten Elektropopspielchen von Peaches und Gonzales mitmachte.

Während diese beiden Kanada-Exilanten von Berlin aus die Welt eroberten, pendelte Feist jahrelang zwischen Frankreich, Deutschland und ihrer Heimat, veröffentlichte 2004 ihr erstes professionell vertriebenes Album "Let It Die", tourte durch die Welt und arbeitete nebenbei mit Jane Birkin, dem norwegischen Duo Kings Of Convenience, ihrer Band Broken Social Scene sowie ihren diversen kanadischen Popstarfreunden. Zuhause fühlt sie sich inzwischen überall und nirgends. "Heimat oder zu Hause, das ist heute etwas sehr Elastisches", meint sie. "Ich war fast drei Jahre durchgängig auf Tour, und anfangs habe ich noch versucht, mir einen physischen und mentalen Anker zu bewahren. Auf Dauer wird es aber sehr anstrengend, sich überall in der Welt nach diesem Platz zu sehnen. Dann lautete das Konzept vorübergehend: Zu Hause ist, wo meine Füße sind! Heute definiere ich das nicht über Orte, sondern über Beziehungen. Die sind nämlich beweglicher." Und wo befindet sich ihre Plattensammlung? "Am Laptop und in diversen Kisten, die in Paris, Toronto, Calgary und Berlin stehen."

Für die Aufnahmen des neuen Albums hat sich Feist samt Band in ein Haus am Stadtrand von Paris zurückgezogen. Die beiden Clubpopvögel Mocky und Jamie Lidell schauten ebenfalls vorbei; der Großteil der Aufnahmen entstand aber ohne Elektronikbeigaben und vor allem auch ohne moderne Studiotechnik im Wohnzimmer des Hauses. Ob es schwierig war, den bei aller Konzentration sehr entspannten Vibe der Platte zu erarbeiten? "Ich gehe die Sache andersrum an", erklärt Feist ihre Arbeitsweise. "Mir ist es wichtig, dass die Produktion der Musik nicht in die Quere kommt. Die Lieder geben selbst vor, wie groß der Aufnahmeraum sein soll, wie viele Musiker mitwirken und wie viele Mikrofone im Endeffekt herumstehen sollen. Die Produktion darf nichts vorgeben, sondern lediglich das Ergebnis einfangen." Weil sie so genau wusste, was sie alles nicht haben wolle, meinten ihre Produzenten Gonzales und Renaud Letang irgendwann, die Sängerin würde die Platte de facto co-produzieren. "Da wurde mir erst klar, was das ist, eine Produktion: Es bedeutet, sehr klare Vorstellungen zu haben."

Klare Vorstellungen hat Feist auch von den Inhalten ihrer Songs. "Ich mag Fabeln sehr gerne, es gibt darin immer eine Moral. So wie diese Geschichten das Leben reflektieren, sehe ich auch meine Texte: Sie sind nicht autobiografisch im Sinne von Tagebucheinträgen, enthalten aber immer einen wahren Kern." Ihre Songs handeln häufig von der Liebe, Feist spielt dabei geschickt mit dem konventionellen Popvokabular. "The saddest part of a broken heart / Isn't the ending so much as the start", sang sie in "Let It Die", dem Titelstück ihrer letzten Platte. Nicht selten seien hohe Erwartungen schuld an tiefen Enttäuschungen, erklärt die Frau mit der Sonnenbrille diese Zeilen.

"Oh, I'll be the one who'll break my heart", heißt es, daran anknüpfend, im neuen Song "I Feel It All". "Verlierst du dein Herz an jemanden, so musst du dir darüber im Klaren sein, dass das deine eigene Entscheidung ist und du selbst für die zugehörige Dynamik verantwortlich bist", kommentiert die Künstlerin ihren Text. "Bricht dir jemand das Herz, so ist das nur möglich, weil du es ihm gestattet hast. In diesem Sinne solltest du irgendwann nicht mehr darüber weinen, dass die Welt dich fertigmacht oder dein Partner dich ruiniert, sondern du solltest dich daran erinnern, dass es in deinen Händen liegt, dies jemandem zu gestatten."

Gerhard Stöger in FALTER 17/2007



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