Part Two. The Endless Not

Throbbing Gristle


Disziplin und Exzess

Extremperformer, Klangterroristen, Wertezerstörer und Popinnovatoren: Um kaum eine Band der jüngeren Musikgeschichte ranken sich so viele Mythen wie um Throbbing Gristle. Mit ihrem ersten neuen Album seit 26 Jahren gastieren die Briten beim Donaufestival in Krems.

Siebenhundertfünfundachtzig. Exakt 785 Stück haben Throbbing Gristle (kurz: TG) 1977 von ihrer Debüt-LP "Second Annual Report" pressen lassen. Hinter dieser Auflage steckte aber kein kunstsinniges Exklusivitätskonzept; mehr als diese 785 Exemplare waren mit dem mühsam zusammengekratzten Budget zum Zeitpunkt der Produktion schlichtweg nicht finanzierbar. Und selbst diese wenigen, auf dem bandeigenen Independent-Plattenlabel Industrial Records herausgebrachten Kopien haben sich anfangs nur sehr schleppend verkauft.
Rückblickend wirkt das einigermaßen grotesk, sollte das Werk von TG in der Folge doch unzählige Künstler inspirieren. Die bekanntesten von ihnen tragen Namen wie Nine Inch Nails, Marilyn Manson oder Die Einstürzenden Neubauten. Die Pioniere der sogenannten Industrial-
Musik waren enorm einflussreich, kommerziell aber eher erfolglos. Dieses Schicksal verbindet TG mit jener amerikanischen Band, mit der sie aufgrund ihrer visionären Konzepte und ihres radikalen Zugangs zur Musik gerne verglichen wurden: The Velvet Underground.
Heute muss der Sammler zwischen 200 und 300 Euro für die Originalpressung von "Second Annual Report" berappen, und das ist bei weitem nicht die imposanteste Zahl im Zusammenhang mit Throbbing Gristle: Google zeigt 899.000 TG-Treffer an, was vor allem im Vergleich zu den kommerziell erfolgreichsten Acts des Jahres 1977 interessant ist. Für Boney M., die Kommerzpopsuperstars der späten Siebzigerjahre, listet die Internetsuchmaschine etwa "nur" 1.260.000 Treffer.
Während der Boney-M.-Hit "Rivers of Babylon" heute bestenfalls auf Feuerwehrfesten gefragt ist, sind die 1981 aufgelösten und 2004 überraschend auf die Popbühne zurückgekehrten britischen Maschinenmusik-Innovatoren inzwischen in der Hochkultur angekommen. Die ersten beiden Liveauftritte nach der Veröffentlichung von "Part Two. The Endless Not", dem Anfang April erschienenen ersten neuen TG-
Album seit 26 Jahren, gehen im Rahmen des Donaufestivals (siehe Kasten) über die Bühne, weitere Performances sind in der Londoner Tate Modern und auf der Kunstbiennale in Venedig geplant. Der Kultstatus des Quartetts mag letztlich zwar größer sein als ihr auf Tonträgern überliefertes Werk, nachvollziehbar ist er aber durchaus. Schließlich greifen hier wie bei kaum einer anderen Band die diversen Popentwürfe der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre ineinander.
Als verstörendes Krachkommando wurden Genesis P-Orridge, Cosey Fanni Tutti, Chris Carter und Peter "Sleazy" Christopherson erstmals in den Tagen der Punkrevolte öffentlich wahrgenommen, ihre Wurzeln liegen aber in den Avantgardeströmungen der Hippie-Ära. TGs eigene musikalische Arbeit sollte sich in den Jahren nach ihrer Auflösung wiederum bei Legionen schwarz bekittelter Bands fortschreiben; der Einfluss der vier Briten auf die experimentelle elektronische Musik ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.
Disziplin und Exzess gingen bei Throbbing Gristle stets ebenso Hand in Hand wie Härte und Humor. Das Quartett stand nämlich keinesfalls nur für sinistre, die Grenzen des körperlich Erträglichen häufig überschreitende und noch heute beklemmend wirkende Lärmimprovisationen, sondern auch für frühe Formen jener synthetischen Popmusik, die Bands wie Depeche Mode wenige Jahre später weltberühmt machen sollten. Und auch der Technokultur gelten sie als wichtige Vorläufer.

Der 1950 als Neil Andrew Megson geborene Beatnik-Fan Genesis P-
Orridge gehörte bereits als Teenager der Performance-Kommune Transmedia Exploration an; 1969 gründete er seine eigene Künstlertruppe Coum Transmissions. Ursprünglich im weitesten Sinne als Band tätig, proklamierte sie eine Zukunft der Musik in den Händen von Dilettanten. Die künstlerischen Ausdrucksmittel der von der Fluxus-Bewegung wie vom Wiener Aktionismus beeinflussten Gruppe wurden um Videoarbeiten und Installationen erweitert. Vor allem aber wurde man durch gleichsam radikale wie ungustiöse Körperperformances bekannt.
Cosey Fanni Tutti, die eigentlich Christine Newby heißt, bildete mit P-Orridge den Kern von Coum Transmissions; ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich zeitweise als Modell für Sexmagazine. Peter "Sleazy" Christopherson schloss sich dem Paar 1973 an – vorrangig motiviert durch sein Interesse an sexuellen Grenzüberschreitungen. Die Übergänge vom Körperkunstexperiment zur Klangforschung sind fließend; mit Chris Carter und seinen selbstgebauten Synthesizern stand 1975 die endgültige Besetzung der Band Throbbing Gristle.
Englandweit wurden die von William S. Burroughs' literarischer Cut-
up-Technik beeinflussten TG im Oktober 1976 durch einen geschickt lancierten Skandal bekannt. Im renommierten Londoner Institute of Contemporary Art stellte Coum Transmissions unter dem Titel "Prostitution" unter anderem gebrauchte Tampons und Pornomagazine mit Aufnahmen von Cosey Fanni Tutti aus; die vier selbsternannten Antimusiker spielten bei der Ausstellungseröffnung erstmals öffentlich als Throbbing Gristle.
Die Boulevardpresse reagierte wie von der Regie vorgesehen; den Künstlern wurden "kranke Gehirne" attestiert, und letztlich hat sich sogar das Parlament mit dieser "Steuergeldvernichtung" beschäftigt. Der Bandname – Throbbing Gristle ist ein Slangausdruck für einen erigierten Penis – passte gut ins Konzept. "Öffentliche Gelder werden hier verschwendet, um die Moral unserer Gesellschaft zu zerstören", schäumte der konservative Abgeordnete Nicholas Fairbairn.
Schon zwei Monate vor dem Fernsehauftritt der Sex Pistols, bei dem die Band im Hauptabendprogramm unflätige Worte verwendete und Punk damit über Nacht zum Staatsfeind Nummer eins machte, versetzten junge Vertreter einer musikalischen Subkultur also eine ganze Nation in Aufruhr. Trotz offensichtlicher Bezugspunkte wollten TG mit der Punkbewegung aber nichts zu tun haben. Drei Akkorde reichen zur Gründung einer Band aus, lautete das Punk-Credo. P-Orridge verlachte dieses Motto 1977 aber als konservativ: "Das heißt letztlich doch nur, dass man wie jede andere Band lernen solle, seine Instrumente zu spielen. Tatsächlich kannst du aber auch ganz ohne Akkorde eine Band gründen. Tu es einfach, ganz egal, wie es klingt. Und egal auch, ob du überhaupt irgendeinen Lärm produzierst oder nur eine Stunde in Stille verharrst."
Auf ein Schlagzeug verzichteten P-Orridge & Co, es war ihnen zu sehr Rock 'n' Roll. Die restlichen Instrumente spielten sie, ohne diese professionell zu beherrschen. Peter "Sleazy" Christopherson versteht TGs Musik rückblickend als "eine Form von Klangjournalismus", P-Orridge definiert sie als Befreiungsschlag. "Diese speziellen Schlagzeugrhythmen der Rockmusik hinderten westliche Musik an der Weiterentwicklung", erklärte er vor wenigen Monaten im deutschen Musikmagazin Groove. "Wir haben damals schon viel experimentelle Musik und Weltmusik gehört und wussten, dass es noch viel mehr gibt als auf Blues basierende Musik. Als wir das beiseite ließen, konnten wir endlich die Musik machen, die unsere Umgebung reflektierte – die Geräusche von Fabriken, Eisenbahnen oder einer Straßenbaustelle."
Die Band sprach von "Industrial Music for Industrial People". Ihre Veröffentlichungsplattform hieß Industrial Records, das Aufnahmestudio Death Factory. Andy Warhols berühmtes Atelier Factory und die NS-Todesfabriken wurden hier auf zynische Weise kombiniert. Das bandeigene Label war für P-Orridge im Rückblick ein Forschungsprojekt: "Wir wollten herausfinden, inwiefern man definitiv nicht zu Unterhaltungszwecken dienlichen Lärm in die Populärkultur einspeisen konnte. Wir wollten die Rockmusik wieder mit Inhalt, Motivation und Risiko anreichern." "Risiko" bedeute für Throbbing Gristle stets auch, sich über die Maßen und ohne begleitende moralische Wertung mit menschlichen Abgründen zu beschäftigen – mit Themen wie Kindesmissbrauch, Serienkiller, psychische Erkrankungen, körperliche Verstümmelung und Verbrechen des Nationalsozialismus –, um dabei bisweilen auch selbst mit totalitärer Symbolik zu spielen. "Marching Music for Psychic Youth" nannten sie 1980 ihre Singleveröffentlichung "Discipline"; "We need some discipline in here!", herrschte P-Orridge seine Hörer an.

Es sei ihnen darum gegangen, Tabus und Konventionen niederzureißen, erklärt das schillernde Aushängeschild der Band heute. "Wir wollten das menschliche Verhalten erforschen. Schon das Ziel von Coum Transmissions war es, Verhaltenskontrolle loszuwerden und Verhalten zu ändern." Der mittlerweile auf den Namen Genesis Breyer P-Orridge hörende Künstler geht inzwischen so weit, den eigenen Körper durch Hormoneinnahme und plastische Operationen zu verändern. Im Rahmen der Langzeitperformance "Breaking Sex" will er sein Erscheinungsbild jenem seiner Lebensgefährtin anpassen.
Eine ganz banale menschliche Verhaltensweise hatte P-Orridge 1981 noch nicht überwunden. Damals erklärten TG nach ihrem letzten, später unter dem Titel "Mission of Dead Souls" veröffentlichten Liveauftritt: "The mission is terminated". Bei der Auflösung der Band spielte P-Orridges Eifersucht keine unwesentliche Rolle – seine Exfreundin Cosey Fanni Tutti hatte ihn wegen des gemeinsamen Bandkollegen Chris Carter verlassen. Die gute alte bürgerliche Zweierbeziehung hat das vorläufige Ende einer der radikalsten Bands der Popgeschichte ironischerweise also zumindest mitbesiegelt. Musikalisch blieben alle Bandmitglieder aktiv: P-Orridge mit seinem Projekt Psychic TV, Christopherson mit der Gruppe Coil, die anderen beiden als Chris & Cosey (später: Carter Tutti) sowie als Solokünstler.
2004 kehrte die Industrial-Legende in England überraschend für zwei exklusive Performances zurück auf die Bühne, im Jahr darauf gastierten sie in der Silvesternacht an der Volksbühne Berlin. Als ein "sanft verstörendes, aber sehr betörendes" Konzerterlebnis bezeichnete Christian Fuchs diesen Auftritt damals. "Noch immer handelt diese Musik von Orgasmen, Tod, Macht und Ohnmacht", schrieb der Wiener Journalist. "Aber TG wissen, dass die Tabus bereits gebrochen wurden, die Schranken überschritten, die Köpfe blutig geschlagen. Da ist es ungleich subversiver, die verirrten Zöglinge auf den langhaarigen Psychedelik-Underground hinzuweisen, aus dem der sonische Schrecken einst geboren wurde."
Welche Mission Throbbing Gristle mit ihrem beklemmenden, im Vergleich zu vielen alten Aufnahmen aber ungleich professioneller produzierten und auf den vordergründigen Lärm fast gänzlich verzichtenden neuen Album "Part Two. The Endless Not" verfolgen, ist aufgrund der Informationspolitik der Band bislang nicht bekannt; der fix vereinbarte Interviewtermin löste sich kurzfristig und ohne nähere Begründung in Luft auf. Klar ist nur, dass der Legendenselbstzerstörungsalarm nach dem Hören dieser CD bis auf weiteres abgestellt werden kann.

Gerhard Stöger in FALTER 16/2007



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