From The River To The Ocean

Anderson,Fred/Drake,Hamid


Swiss Bliss

Die Schweizer Pianistin Irène Schweizer ist seit Jahrzehnten eine Zentralfigur der europäischen improvisierten Musik, die normalerweise in Clubs oder bei Festivals erklingt. Der 1500 Zuhörer fassende und von Jean Nouvel gestaltete Saal des Kultur-und Kongresszentrums Luzern ist also ein eher unüblicher Rahmen für das im Oktober 2005 gegebene Konzert, das auf "First Choice. Piano Solo KKL Luzern" (Intakt) dokumentiert wird. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass sich die kontrollierte Rhythmikerin auf der zwanzigminütigen Titelnummer relativ lange Zeit lässt, bevor sie das Gegeneinander ihrer klar konturierten Linien und Patterns zu jazzigem Swing entbindet. Mitunter etwas gar züchtig wirkt hier ihr Thelonious Monk, nicht nur dessen "Oska T.", Reverenz erweisendes Spiel. Am charmantesten und mit subtiler Ironie kommt "Into the Hall of Fame" daher.

Von Schweizers zwei Dutzend CDs, die bei Intakt erschienen sind, machen ihre Duoaufnahmen mit Schlagzeugern ziemlich genau ein Viertel aus. Die Kooperation mit ihrem Landsmann, dem perkussiven Klangzauberer Pierre Favre währt mittlerweile vier Jahrzehnte. Favre ist selbst ein Duoafficionado und hat vor zwei Jahren mit Yang Jing das nun erschienene "Two in One" (Intakt) eingespielt: ein ruhiges, introvertiertes, aber von jeder Weltmusikesoterik meilenweit entferntes Album, das den banjoähnlichen, unglaublich volatilen und dynamischen Klang der Pipa, einem uralten Saiteninstrument, auf faszinierende Weise mit Favres hyperdifferenziertem und völlig uneitlem Drumming verbindet.

Ein zwanzigminütiges Duo zwischen Klavier und Schlagzeug eröffnet auch die Live-CD "Willisau & Taktlos" (Intakt). Es besticht vor allem durch das traumwandlerische Einverständnis, mit dem sich die beiden über Pausen, Haltepunkte und Richtungsänderungen verständigen. Irène Schweizer, Fred Anderson und Hamid Drake liefern in dieser Begegnung dreier Generationen (Jahrgang 1941, 1955 und 1929) eine hochenergetische Performance, die auch auf der Halbstundendistanz niemals soßig wirkt und mit zwei nachgerade kulinarischen Gustostückerln ausklingt.

Völlig anders tönt die Kooperation von Fred Anderson & Hamid Drake auf "From the River to the Ocean". Die mitunter schon epischen Übungen in groovender Gelassenheit bestechen durch originelle Instrumentierung mit zwei Bässen und Gitarre, Guimbri und Rahmentrommel oder einem sehr aparten Cello.

Klaus Nüchtern in FALTER 15/2007



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