Saltbreakers


Weißkohl und Gummizelle

Die Lehrerin Laura Veirs, der junge Prophet Conor Oberst und der freche Londoner Vorstadtbub Jamie T versuchen, das Rad neu zu erfinden - sie schreiben Songs.

Für eine Verabredung mit einer amerikanischen Singer-Songwriterin auf Durchreise, die gerade im Broadcasting House der BBC ein paar Interviewtermine erledigt hat, gäbe es keinen opportuneren Schauplatz als das monumentale Langham Hotel gleich gegenüber. Die nicht minder monumentalen Preise in der dortigen Café Bar sind wohl das Ergebnis mangelnder Effizienz, bedarf es doch gleich vier livrierter Kellner, um das Servieren der von Laura Veirs bestellten Suppe einzuleiten; sie erkundigen sich dabei laufend nach ihrem Wohlbefinden.

Wenn sie es wirklich so genau wissen wollten, dann sollten die Kellner sich wohl am besten Laura Veirs neues, sechstes Album "Saltbreakers" anhören, in dem sie sich auf lyrische Weise mit dem schmerzlichen Ende einer Langzeitbeziehung auseinandersetzt. Seine Symbolik kreist dabei ständig um die freie Natur; Bratschen suggerieren im "Ocean Night Song" Walgesang, das gleich zweimal vorkommende Gleichnis des abgerissenen Blatts, das trotzdem grün bleibt, hat sich Veirs laut eigenen Angaben von A.S. Byatts Roman "Possession" geborgt.

Mit ihren sachlichen Hornbrillen, ihrem vernünftig mittellangen Haar und der lindgrünen Strickweste gibt sie eine ziemlich glaubhafte Lehrerin ab (selbst wenn hinter dem seriösen Äußeren die ehemalige Gitarristin einer Riot-Grrrl-Punk-Band namens Rair Kx! steckt). Wann immer Veirs' eigene Songwriterinnen-Karriere gerade Pause macht, bessert sie ihr Einkommen nämlich mit Privatstunden in Liederschreiben auf. Im Umgang mit ihren Schülern, sagt sie, seien ihr dabei drei klassische Knackpunkte aufgefallen: "Alle versuchen, ihre Songs kompliziert zu machen, um besonders schlau zu erscheinen. Sie wollen sich nie auf eine fertige Fassung festlegen. Und sie sind zu perfektionistisch. Ich bringe ihnen bei, das Songschreiben als ein Spiel zu betrachten." Auch Dreijährige, die das Fahrradfahren lernen, müssten zuerst ein paar Mal umfallen, meint Veirs. "Nicht jeder Song muss gut sein. Man kann ja immer noch einen schreiben." Im Gegensatz zu vielen ihrer Schüler spüre sie selbst beim Schreiben nicht die volle Last der Geschichte des Songwritings und seiner diversen Geniemythen auf den Schultern.

Was würde Laura Veirs wohl zum Schaffen des 27-jährigen Conor Oberst aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska sagen? Das gereifte Bubenwunder der alternativen Americana lebt nun schon die längste Zeit mit dem potenziell erdrückenden Ruf, der neue Dylan zu sein, und nach seiner 2005 veröffentlichten grandiosen Doppelpackung "I'm Wide Awake It's Morning" und "Digital Ash in a Digital Urn" wird auch sein neuestes, nach einer Hellsehergemeinde in Florida benanntes Werk "Cassadaga" kaum zum Abschütteln dieses Prädikats beitragen.

Vor drei Wochen brachte Obersts Band Bright Eyes im Koko in Camden vor der Schar ihrer Londoner Jünger ein paar Kostproben daraus, als ein Ruf aus dem Publikum die erwartungsvolle Stille zwischen zwei Songs durchbrach: "Erfinde das Rad neu!" Der Fan wünschte sich wohl nur "Reinvent the Wheel", die B-Seite der kürzlich als Vorbote des Albums erschienenen "Four Winds"-EP, aber Conor Oberst selbst schien den Zwischenruf wörtlich genommen zu haben: "Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll", sagte er grummelig und stimmte stattdessen die Coverversion "Crazy As a Loon" von dem vor 35 Jahren ebenfalls als "nächster Dylan" gehandelten Songwriter John Prine an.

Der übermäßigen formalen Kompliziertheit könnte Laura Veirs Obersts Neuerfindungen des Rads kaum bezichtigen. Seine in einen leicht angerockten Folk-und Countrysound gefassten, gelegentlich mit Streichersätzen, Klarinetten, Flöten oder Frauenchören angereicherten, repetitiven Lieder beziehen ihren Anspruch auf Schlauheit vielmehr aus den vor großen Worten nicht zurückschreckenden Texten. Wenn Oberst etwa in der Kriegsballade "No One Would Riot for Less" von der alles überstrahlenden "shape of destiny" spricht, schaut ihm hörbar der alte Leonard Cohen über die Schulter. Andererseits beweist der Meister des persönlich-politischen Weltschmerzes - vom berüchtigten Schluchzen in seiner Stimme sollte man sich da nicht täuschen lassen - aber auch reichlich Humor; die Nummer "I Must Belong Somewhere" etwa versteht es, in einer langen Aufzählung düstere Sinnbilder wie "das wahre Genie in der Gummizelle" oder "das arme schwarze Kind in der zerbröckelnden Schule" mit dem "Weißkohl in der Kasserolle" zu vereinen.

Zugegeben, eine schnattrige Kanone des abseitigen Humors wie Jamie T, dessen Album "Panic Prevention" bereits im Februar erschienen ist, wird aus Oberst nie werden. Jamie Treays, wie er mit vollem Namen heißt, orientiert sich allerdings auch an vollkommen anderen Bezügen, schließlich fand das 21-jährige, wortgewaltige Wunderkind aus Wimbledon seinen Zugang zur liederschreibenden Zunft nicht über die zupfenden Größen akustischer Introspektion, sondern über seine tiefe Jugendliebe zum HipHop und sein leidenschaftliches Studium der gepflegten Londoner Zunge eines Joe Strummer oder Ian Dury.

Sein reiches Vokabular an authentisch pseudokaribisch gefärbtem Teenagerslang hat Jamie T unter den Londoner Kids eine Art Volksheldenstatus eingebracht. Wenn er etwa in "Pacemaker" halb rappend, halb singend von "abgestanden riechenden Crackpfeifen am Trafalgar Square" erzählt, spricht er den jungen Nachtbuspassagieren aus der Seele, die von dort aus jede Freitag-oder Samstagnacht die weite Reise zu ihrer "schmutzigen, feuchten Wohnung mit dem Leck im Plafond" antreten. Gleich nach der Schule besuchte er übrigens einen Collegekurs im Fach "Music & Technology". Als Abschlussarbeit interpretierte er "To Have and To Have Not" von Billy Bragg und kassierte dafür ein nicht zu unterbietendes "U" für unsatisfactory. Wer weiß, wie Laura Veirs seine Kunst beurteilen würde?

Inzwischen haben die vier Kellner im Langham Hotel endlich erfolgreich ihre Suppe abgeliefert. Mit gebührendem Respekt lüftet Veirs die weiße Porzellanhaube des aufwendigen Suppengeschirrs und enthüllt darunter einen geschätzten Viertelliter knalloranger Tomatenbrühe als würdige Krönung des vorangegangenen Rituals.

Robert Rotifer in FALTER 15/2007



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