Zimmer 483

Tokio Hotel


Kinder an der Macht

Kreischen, bis der Arzt kommt: Das deutsche Popwunder Tokio Hotel gastiert in der Wiener Stadthalle.

Die neue Tokio-Hotel-CD "Zimmer 483" beginnt verhalten, deutet den bevorstehenden Ausbruch aber vom ersten Ton weg an. Nach vierzig Sekunden setzen tatsächlich massive Rockgitarren ein, und Bill Kaulitz singt emotionsgebeutelt jenen Refrain, der momentan durch Hunderttausende Kinderzimmer schallt: "Achtung fertig los und lauf/vor uns bricht der Himmel auf/wir schaffen es zusammen/übers Ende dieser Welt/die hinter uns zerfällt." Die Musik dazu klingt weniger nach Kiddy Contest als vielmehr nach einer perfekt auf Massentauglichkeit getrimmten Version von Alternative Rock. Bereits im zweiten Song, "Totgeliebt", ziehen die für Tokio Hotel schon auf ihrem Debütalbum "Schrei" zur Trademark gewordenen düsteren Wolken auf. "Es bringt mich um/Wir ham uns totgeliebt", singt der wöchentlich im Teenie-Leitmedium Bravo präsente 17-jährige Mädchenliebling der Viererbande aus der deutschen Provinz. "Es bringt mich um/weil unser Traum in Trümmern liegt."

Spätestens an dieser Stelle ließe sich problemlos das extragroße Hämefässchen aufmachen: Kinderkacke, das alles. Was wissen kleine Hörer-Mädchen schon von großen Gefühlen? Und warum sollte man dieser Fleisch und Blut gewordenen Manga-Figur von einem Sänger auch nur ein Wort abnehmen? "Er könnte der gemeinsame Sohn von Cher und David Bowie sein, dramatisch und gestenreich, androgyn und glamourös", schrieb der Stern über Bill Kaulitz, aber was weiß der schon!? Und auch der Rest der Band ist doch bitte so was von ausgedacht! Bills Gitarre spielender Zwillingsbruder, der coole Dreadlockträger Tom, ist für die Sehnsüchte jener Mädchen zuständig, die ihren Unterkörper bereits entdeckt haben. Bassist Georg Listing (20) verkörpert mit seinen grungigen Schnittlauchlocken und seinem finsteren Blick den bubenkompatiblen Revoluzzer hier im Haus, und der milchgesichtige Schlagzeuger Gustav Schäfer (18) darf das Identifikationsangebot für all die jungen Mauerblümchen mimen.

Häme erklärt kein bisschen vom Phänomen Tokio Hotel, dem gegenwärtig erfolgreichsten jungen Popact Deutschlands. Und sie ist auch ziemlich fehl am Platz. Zwar steht ein gleich vierköpfiges Produzententeam hinter den Magdeburgern, die im Sommer 2005 mit der Single "Durch den Monsun" debütierten. Dieses Team schleift aber nur an jenem Kommerzpop-Rohdiamanten, der sich bereits Jahre zuvor unter dem Namen Devilish als Band gefunden hatte. Genau genommen stellen Tokio Hotel das Castingprinzip sogar auf den Kopf. Steht bei typischen Boy-oder Girlgroups am Beginn das Marketingkonzept, um das herum eine mit austauschbaren Sing-und Tanzpuppen besetzte Gruppe gebastelt wird, ging es bei diesem Quartett darum, einer bereits existierenden Band das richtige Image und die richtigen Songs zu verpassen.

Die Businessregel, wonach Teenie-Acts dieser Art bereits bei der zweiten CD schwächeln, um nach der dritten gänzlich vom Markt zu verschwinden, scheint hier nicht zu greifen. Tokio Hotel feiern längst auch außerhalb des deutschsprachigen Raums Erfolge, französische Mädchen kreischen ebenso laut wie polnische, russische oder tschechische zu Bill & Co. Sogar ein englischsprachiges Album soll heuer produziert werden. An Selbstbewusstsein mangelt es Tokio Hotel dabei nicht. "Wir bleiben immer", singt Bill Kaulitz in "Wir sterben niemals aus", dem einzigen von ihm selbst geschriebenen Song des neuen Albums. "So was wie wir geht nie vorbei."

Gerhard Stöger in FALTER 14/2007



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