YEAR ZERO

Nine Inch Nails


Streng, aber gerecht

Trent Reznor alias Nine Inch Nails ist der König des Endzeitentertainments. Letzte Woche gab er in Wien zwei Konzerte und stellte sein neues Album "Year Zero" vor.

Verhörlampen flackern über die Bühne, der brachiale Sound wird am nächsten Tag noch in den Ohren klingeln. Keine Frage, wir bewegen uns an diesem Abend im Gasometer in endzeitlichen Zusammenhängen. "God is dead", skandiert der Einpeitscher auf der Bühne. Nietzsche wusste es schon vor 120 Jahren, Trent Reznor, dieser Phil Spector aus der Eisenwarenhandlung, hat es 1994 auf seinem epochalen Album "The Downward Spiral" über einer irrwitzigen wall of sound wiederholt und ein Wiedersehen in der Hölle in Aussicht gestellt - so es eine solche gibt.

Eines wird an diesem Abend auch klar: Die Musik von Reznor, dem alleinigen Herren über die Nine Inch Nails (kurz: NIN), ist nicht wirklich für die Livedarbietung gemacht. Die überwiegend schwarz gekleidete Kundschaft goutiert die energische Performance der Tourband zwar, aber die Feinheiten des NIN-Sounds, die Reznor im Studio alleine austüftelt, müssen in der Konzertvorhölle verloren gehen.

Reznors Musik will am besten allein durchlitten werden. Aus ihr dringt die Wut und Verzweiflung des geschundenen Individuums. Ein Soundtrack, der in der Pubertät besonders gut reingeht, aber auch danach noch seinen Reiz behält - schließlich gehen existenzielle Ängste ja nicht aus. NIN hat weniger mit haarigen Metalgestalten gemein als mit lichtscheuen Helden wie Joy Division, deren Song "Dead Souls" Reznor beim ersten Wien-Konzert denn auch ansprechend interpretiert. Im Unterschied zu Ian Curtis oder Kurt Cobain hat er seine persönlichen und Drogenprobleme jedoch überlebt und muss mit seinen mittlerweile 41 Jahren sehen, wie es weitergeht.

"Year Zero" heißt das neue, fünfte NIN-Album. Warum Reznor daraus live nur die Single "Survivalism" spielt, wird beim Pressevormittag nach dem Konzert deutlich, bei dem die versammelten Journalisten auf die Begegnung mit dem perfektionistischen Frühaufsteher durch das Abspielen des ganzen Albums eingestimmt werden. "Year Zero" ist nach dem vergleichsweise verhaltenen Postentzugswerk "With Teeth" (2005) eine recht gewagte Platte, die streckenweise an Glanztaten wie "The Downward Spiral" oder das noch synthiepophafte Debüt "Pretty Hate Machine" (1989) anschließt, gleichzeitig aber auch nach vorne blickt: digitaler Brachialfunk aus dem Laptop.

Inzwischen hat es sich Trent Reznor auf einem Sofa bequem gemacht. Wobei: Bequem ist das falsche Wort für einen Mann, der ständig unter Strom steht. "Musik ist gefährlich für meine Stabilität", sagt er, der immer wieder unter manisch-depressiven Schüben leidet, "so eine Albumproduktion braucht viel Kraft." Fast scheint er selber ein wenig verwundert darüber, dass "Year Zero" schon fertig ist. Üblicherweise brauchen NIN-Alben vier bis sechs Jahre, diesmal waren es bloß zwei.

Reznor mag keine Langeweile. Früher hat er die Zeit zwischen zwei Platten mit Exzessen oder der Erfindung von Marilyn Manson verbracht, jetzt ist er in eine Phase eingetreten, in der er sich ganz dem eigenen Werk widmen will. Auf 15 Minuten sind daher Interviews mit ihm beschränkt - nachdem einem das Management nahegelegt hat, nur intelligente Fragen zu stellen. Also verkneifen wir uns die unoriginelle Erkundigung nach George W. Bush, dessen Politik die Texte auf "Year Zero" offenbar beeinflusst hat. Siehe etwa "Survivalism": "I got my propaganda, I got revisionism."

Erst soll Reznor die Geschichte dieses Konzeptalbums erzählen.

"Year Zero" ist - in der Tradition von Dystopien wie "1984" - in der Zukunft angesiedelt: "15 years from now." Finstere Mächte lenken die Welt und verabreichen den Menschen Drogen und Propaganda. Reznor: "Die Welt ist heute von den finsteren Utopien von damals nicht mehr weit entfernt. Ich habe mich aber dafür entschieden, ein paar Jahre in die Zukunft zu gehen, damit es nicht so aussieht, als würde ich nur über Bush ablästern."

Also wir haben nicht nach George Dabblju gefragt, aber es muss offenbar sein. "Natürlich besorgt mich als Amerikaner, wohin dieses Land steuert", sagt der aus einer Kleinstadt in Pennsylvania stammende Reznor. "Mich frustriert, wie wir uns selbst betrügen und wie wir den Rest der Welt behandeln. Ausgehend von meiner Frustration habe ich versucht, mir vorzustellen, wie die Welt in 15 Jahren wohl aussehen mag, wenn wir so weitermachen. Die fiktive Welt, die ich erschaffen habe, basiert ausschließlich auf Ideen und Dingen, die es bereits heute gibt."

Die Gegenwart hat mit Orwells Visionen gleichgezogen. Für Trent Reznor ist das ein gefundenes Fressen. Er variiert auf "Year Zero" zu erfreulich unstumpfer, auf zappeligen HipHop-Loops basierender Musik gewitzt alte NIN-Themen wie das Fehlen einer übergeordneten Instanz ("The Good Soldier") oder das Rumoren, das der noch nicht ganz tote bzw. von chemischen Substanzen ruhiggestellte Mensch tief im Innersten empfinden muss ("My Violent Heart").

Die tiefgreifende Neuerung an "Year Zero" liegt jedoch in der Vermarktung. Unter dem Stichwort "virales Marketing" hat Reznor eine gigantische Onlinekampagne mit Dutzenden Websites und virtuellen Schnitzeljagden aus dem Boden gestampft, die die schöne neue Welt auf die Spitze treibt, mittels der er seine Fans aber auch zum Aufmucken einlädt: "Die Leute werden ignoriert und stumm gemacht. Im Rahmen von ,Year Zero' sollen sie sich einbringen können." Reznor ist ein strenger, aber gerechter Herrscher.

Sebastian Fasthuber in FALTER 14/2007



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