Charles Mingus In Paris - The Complete...

Charles Mingus


Mingus, Ah Ähm

Der cholerische Macho konnte freilich auch sehr empfindsam sein. Nach dem frühen Tod Eric Dolphys versank Mingus in Depression, Paranoia und einer Schaffenskrise, die fast ein halbes Jahrzehnt anhielt. Mit den Einspielungen in Paris, nun auf "The Complete America Session" (2 CDs, Universal), begann er sich wieder nach oben zu graben. Die um eine ziemlich sinnlose CD mit abgebrochenen Takes ausgestatteten Aufnahmen bieten Mingus-Klassiker wie "Reincarnation of a Lovebird" oder "Pithecanthropus Erectus" in Sextettbesetzung. Im Vergleich zu den Aufnahmen aus den 60ern geradezu gemessen, aber retrospektiv betrachtet doch ein sehr erfreuliches Comeback.Von allen Schlüsselfiguren des modernen Jazz war Charles Mingus (1922-1979) eine der schillerndsten: Der Bassist, der in den 50er-Jahren mit fast allen Bebop-Größen zusammengespielt hatte, versammelte im Laufe seiner Karriere eine große Zahl unterschiedlicher Bands um sich, deren Mitglieder er mit seiner Leidenschaft, seinen Launen, mitunter gar seinen Fäusten traktierte, um ihnen auf diese Weise einige der aufregendsten Aufnahmen abzutrotzen, die der Jazz kennt.

Ein Dokument der erratischen Umgangsformen des Bandleaders ist nun erstmals auf CD erschienen: "At UCLA 1965" (2 CDs, Universal) deutet schon am Cover die dramatischen Umstände an, unter denen diese Musik gespielt bzw. eben nicht gespielt wurde: Das Album enthält "Music Written for Monterey 1965", die beim genannten Festival von Monterey nicht zur Aufführung gelangte, weil Mingus seine Band nach drei Nummern wieder von der Bühne führte. Beim vorliegenden Konzert schickte er nach dem elegischen, tubadurchpulsten, von Arco-Glissandos und anderen "Seufzermotiven" durchwobenen "Meditation on Inner Peace" nach zwei missglückten Anläufen zu "Once Upon a Time, there Was a Holding Corporation Called Old America" (die sechs Jahre später auf dem Weltmeisteralbum "Let My Children Hear Music" als "The Shoes of the Fisherman's Wife Are Some Jive Ass Slippers" ihre gültige Form finden sollte) kurzerhand die Hälfte des Oktetts in die Garderobe. In "Ode to Bird and Dizzy" wirft das verbleibende Quartett mit Zitaten um sich, und auch wenn die dann doch noch in voller Besetzung zur Aufführung gelangende Realisation von "Once Upon a Time …" die Stringenz und Rasanz der 1971er-Aufnahmen vermissen lässt, ist das Konzert ein eindrückliches Dokument vom Wirken eines genialen Kraftlackls.

Klaus Nüchtern in FALTER 14/2007



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