Social Hide and Seek

Red


Waidwund schön

Ungefährlicher ist der Kontakt mit "Social Hide and Seek" (Universal), dem facettenreichen neuen Album des für finstere und freigeistige Folk-und Countrydeutungen bekannten französischen Singer/Songwriter-Avantgardisten Oliver Lambin alias Red. Auch seine Lieder sind tief emotional und nicht eben sonnendurchflutet, Red agiert aber hörbar abgebrüht nach dem Motto "Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter". Und das drückt sich dann auch gerne mal in der gelegentlich ordentlich scheppernden musikalischen Umsetzung aus (der achteinhalbminütige Brocken "Last Song"). Wirklich kaputt klingt Red nur im umfangreichen und unter anderem mit dem sehr guten John-Cale-Cover "Dying on the Vine" ausgestatteten Hidden-Track-Teil dieses famosen Albums, den er nach dem Schlussstück "Go Fuck Yourself Religion" im Alleingang bestreitet. Kaputt und munter, versteht sich.Es gibt Platten, die sollten einen Warnhinweis tragen. "Das Hören dieser Musik könnte bei mangelnder emotionaler Stabilität zum Sprung aus dem Fenster führen", wäre etwa bei "Drums and Guns" (Sub Pop/Trost), dem neuen Album des US-Trios Low, nicht wirklich übertrieben. "All soldiers/ They're all gonna die/And all the little babies/They're all gonna die", lauten die gequält intonierten ersten Zeilen dieses aufwühlenden Werks, und wirklich viel positiver kommen auch die restlichen zwölf Songs nicht daher. Die zugehörige Musik kombiniert bisweilen fast bis zum Stillstand verlangsamten Indie-Folk mit stimmungsvoll eingesetzten elektronischen Elementen, fallweise erlauben sich Low aber auch ein selbstvergessenes Tänzeln ("Hatchet", "Take Your Time"). In seinem zweistimmigen Gesang pflegt das Bandehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker dabei nicht nur einmal die hohe Kunst der gänsehauterzeugenden Dissonanz. Vom Produzenten Dave Fridmann (Flaming Lips) perfekt in Szene gesetzt, ist "Drums and Guns" die wohl härteste Musik für den Frühling - aber auch mit die berührendste.

Für seine waidwunde Form von Schönheit ist auch Antony Hegarty bekannt, Sänger und Kopf der New Yorker Band Antony & The Johnsons ("I Am a Bird Now"). Auf der Mini-CD "The Snow Abides" (Durtro Jnana/Trost) des Current-93-Mitglieds Michael Cashmore veredelt Hegarty drei der fünf kammermusikalischen Düsterfolkepen mit seinem steinerweichenden Ausnahmegesang; bei gebeutelter Gemütslage fragen Sie vorm Hören aber auch hier lieber Ihren Arzt oder Apotheker.

Gerhard Stöger in FALTER 13/2007



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