Phantom in Paradise

Philipp Quehenberger


Alles muss rein

Mit "Phantom in Paradise" beweist Philipp Quehenberger jetzt endlich auch auf CD, dass er einer der bemerkenswertesten Musiker der Stadt ist.

Hinter der Freakmaske verbirgt sich ein zweites Gesicht. Wenn Philipp Quehenberger über seine Musik sagt, sie sei paradox, dann trifft das auf ihn selber genauso zu. Aufgrund seiner lauten, heftigen Auftritte als Keyboardrocker hat er seit Jahren das Image des Berserkers mit Schnurrbart und Lederjacke weg. 1999 debütierte Quehenberger beim Phonotaktik-Festival. Inzwischen gilt er als eine dieser halb legendären Figuren, die nie so richtig vom Fleck kommen. Zu Unrecht.

Erstens ist der Dreißigjährige einer der versiertesten Musiker der Stadt, wie einem von Franz Hautzinger über Patrick Pulsinger bis Marco Eneidi aus so ziemlich allen Richtungen bestätigt wird. Und zudem hat er jetzt, nach fünfjähriger Anlaufphase, auch ein Album fertiggestellt. Zum Interview mit dem Falter erscheint Quehenberger nicht nur pünktlich, sondern zehn Minuten zu früh. An sich spreche er nicht gerne über seine Musik ("weil ich Angst habe, dass ich etwas sage, was ich im nächsten Moment schon wieder zurücknehmen will"), aber jetzt möchte er doch mal einiges präzisieren. "Obwohl die Musik selbst sich manchmal widerspricht."

Quehenberger ist gewiss ein chaotischer Vogel. Just am Abend seiner CD-Präsentation im rhiz wird er auch einen Auftritt in der Fluc Wanne absolvieren, da ist ihm was durcheinandergeraten. Dass er für sein Album so lange brauchte, liegt aber auch an seinen riesigen Ambitionen. Immer wieder hat er halbfertige Platten verworfen, war mit dem Material unzufrieden oder hat nach ewigem Tüfteln keinen gemeinsamen Nenner mehr darin gesehen. Dass er nach langer Suche mit Mego endlich ein Label fand, brachte die Sache allmählich ins Rollen. Zur Fertigstellung zwang ihn schließlich Patrick Pulsinger: "Er hat mir gesagt, nächste Woche soll ich zum Abmischen zu ihm ins Studio kommen."

Der gebürtige Innsbrucker, der seit zehn Jahren in Wien lebt, legt sich ungern fest. Als Livemusiker, der - mehr schlecht als recht - von seinen Auftritten lebt, ist das Studio eine Ausnahmesituation. "Ich war froh, als ich's hinter mir hatte, aber ich bin zufrieden", resümiert er. "Ich wollte mir selber beweisen, dass ich eine relativ poppige Platte machen kann und nicht den Avantgardemusiker oder harten Typen markieren muss."

Wahrscheinlich ist Quehenberger jedoch all das auf einmal. Zumindest ist sein Sound extrem vielschichtig. Da ertönt Lärm, der den Hörer nicht abstößt, sondern in dem er sich verlieren kann; Techno, der nach ein paar Minuten verdammt nach Jazz klingt; Freies und Strukturiertes, Improvisiertes und Komponiertes; experimentelle und, ja, schon irgendwie poppige Klänge. In den neun Stücken findet auch das zusammen, was sonst nicht zusammengehört.

"Mir hat immer alles gleichzeitig gefallen", sagt der einstige Klavierstudent. "Ich will etwas machen, das von Free Jazz bis Pop alles enthält, wo ich mich nicht für eines entscheiden muss. Noise taugt mir deshalb, weil im weißen Rauschen alle Geräusche drinliegen." Manche davon gehen im Verlauf der Stücke verloren, andere tauchen als sogenannte ghost notes auf, obwohl sie gar nicht gespielt werden: "Wenn man vier Töne im richtigen Rhythmus spielt, hört man den fehlenden fünften."

Über Kategorisierungen seiner Musik will sich der Sohn eines Theatermusikers und einer aus den USA stammenden Countrysängerin lieber nicht den Kopf zerbrechen. "Es gibt keine musikalische Wahrheit", sagt er. Mit seiner antipuristischen Haltung stößt er bisweilen allerdings auf Unverständnis: "In der Populärkultur ist Free Jazz ein Problem, da giltst du als elitärer Spinner. Andererseits bin ich den Jazzern meist viel zu laut, und die halten mich für wahnsinnig, wenn ich bei einer Session einen Dreiklang spiele. Aber das ist alles zu kurz gegriffen. Sagt jemand, ein Stil wird nie mehr passieren, kann man sich sicher sein, dass der in drei Jahren das große Ding sein wird."

Die Devise "Alles geht" bedeutet im Fall von Quehenberger keinen postmodernen Relativismus. Es geht ihm darum, all das, was für seine Ohren wahr, gut und schön klingt, in seine Stücke zu packen. Und durch die Verdichtung eine gewaltige Energie freizusetzen. So etwas spricht dann auch Kunstmenschen wie Franz West an, bei dessen Ausstellungseröffnungen Quehenberger oft spielt: "Ich glaube, ihm taugt, dass ich die Leute mehr oder weniger vertreibe."

Mit Kunsttheoretikern und Konsorten hat der Musiker dafür ein Problem, und Grabenkämpfe zwischen den Lagern sind dem zwischen allen Welten wandelnden Paradox ein Gräuel: "So was hat für mich in der Musik keinen Platz, weil die Musik in Wahrheit niemandem gehört. Früher hat die Kirche bestimmt, was erlaubt ist und was nicht, mir kommt vor, mittlerweile machen das Kunsttheoretiker und Cultural-Studies-Typen." Das Resultat: "Die Leute trauen sich vieles nicht mehr, weil sie Angst haben, man würde dann dieses oder jenes über sie denken."

Philipp Quehenberger steht nicht nur seit seiner Jugend regelmäßig auf der Bühne. Er hat merklich auch viel über Musik und ihre Hintergründe nachgedacht. In seinem Kopf hat sich ein weitverzweigtes System gebildet, das er bei Gelegenheit abrufen kann. Oder auch nicht. "In dem Moment, wo man zu spielen beginnt, muss man alles vergessen und den Kopf abschalten können", sagt er. Denn: "Im Grunde geht's bei Musik nur um das, was man hört, das andere ist eh wurscht."

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2007



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