Kunuaka

Makossa & Megablast


Mann im Schatten

Bisher war er der wohl unauffälligste DJ der Stadt: Nach zwanzig Jahren im Hintergrund traut sich Marcus Wagner-Lapierre alias Makossa jetzt endlich ins Rampenlicht. Ein bisschen jedenfalls.

Von einem dicken Auto träumt er schon lange nicht mehr. "Dafür bin ich einfach zu sehr Realist. Ich weiß, dass ich mit meiner Musik nie viel Geld machen werde." Man kann sich Marcus Wagner-Lapierre aber auch schwer in einer fetten Luxuskarosse vorstellen. Der bebrillte Seitenscheitelträger ist eher der Typ, der sich nach plötzlich erlangtem Reichtum einen Minibus zulegt, um darin den Nachwuchs zu befördern. Ist ja auch viel praktischer, denn der dreifache Familienvater wohnt, wie er selbst sagt, "am Arsch der Welt".

Marcus Wagner-Lapierre ist einer der dienstältesten DJs der Stadt, als DJ Makossa ist er seit den Achtzigern plattenauflegend unterwegs. Obwohl er die Wiener Elektronikszene von Beginn an mitprägte, für Peter Kruder an den Turntables werkte und mit Dub-Clubber Sugar B die Samstag-Abend-Musik-Sendung "Swound Sound System" produziert, ist ihm der Durchbruch nie ganz gelungen. Warum eigentlich nicht? "Ich habe das Auflegen eher als Hobby gesehen, es war immer wichtig für mich, einen seriösen Job zu haben", sagt Wagner-Lapierre, der mit seiner Familie ein altes Haus im 14. Bezirk bewohnt und im Zivilberuf Musikchef beim Radiosender FM4 ist. Jetzt, mit Anfang vierzig, will er's trotzdem noch einmal wissen. Vor kurzem kam sein erstes, gemeinsam mit Sascha Weisz alias Megablast produziertes Album heraus. Bevor er endgültig zum alten Eisen gehöre, sagt Wagner-Lapierre, wollte er unbedingt noch etwas Eigenes präsentieren. "Meine Kinder sind jetzt aus dem Gröbsten raus, die Älteste ist 18, der Jüngste neun, und ich wusste, als ich den Sascha kennen gelernt habe, wenn ich die Chance jetzt nicht ergreife, kommt sie nie wieder." Das Album "Kunuaka", auf dem Makossa und Megablast alte Synthesizersounds mit Afrovibes, Disco und Dub zu ansprechender Gute-Laune-Musik mischen, ist bei G-Stone erschienen - hätte auch nirgends besser hingepasst als zum Kruder-&-Dorfmeister-Plattenlabel.

Die zwei Ms sind derzeit viel unterwegs, um ihr Album zu promoten, letzte Woche traten sie in Peking und Shanghai auf. "Wir bekommen im Ausland viel mehr Aufmerksamkeit als zu Hause", sagt Wagner-Lapierre. Haben sich die Wiener vielleicht am Wohnzimmerelektro sattgehört? Das kann der DJ, der sich nach dem Siebzigerjahrehit "Soul Makossa" von Manu Dibango benannt hat, natürlich so nicht gelten lassen. "Ich glaube, da wäre noch viel mehr in die Richtung drinnen, das merke ich auch beim Radio, das hat einfach hohe Airplaytauglichkeit". Makossa-&-Megablast-Nummern hört man allerdings selten im Radio. "Ich kann ja schlecht meine eigenen Sachen spielen, da würde ich mich ja angreifbar machen." Elektronische Musik sei in den letzten Jahren jedenfalls eher etwas für die nicht mehr ganz jungen Leute geworden: "Seit Techno vorbei ist, hören die Jungen ja wieder Pop." Seit Mitte der Neunziger - davor bestritt er ein paar Jahre lang regelmäßig das Nachtprogramm auf Ö3 - kümmert sich Wagner-Lapierre beim öffentlich-rechtlichen Alternativsender um die Musiksparte. Neben dem Tagesgeschäft hat er über zwanzig Compilations, unter anderem die FM4-Soundselection-sowie die "Sunny Side Up"-Reihe, zusammengestellt.

Makossas Musiksucht nahm im kleinen Plattenladen Dum Dum Records am Opernring ihren Anfang. Dort verbrachte der Gymnasiast aus der Leopoldstadt Anfang der Achtziger jede freie Minute - plus einen Gutteil der Zeit, die er eigentlich in der Schule hätte verbringen sollen. Und da "der Marcus" immer da war, bot ihm der Shopbesitzer irgendwann einen Job an. Den nahm Wagner-Lapierre, der nach der Matura ohnehin keine Ahnung hatte, was er machen wollte, gerne an. Das winzige Plattengeschäft war damals einer der wichtigsten Szenetreffpunkte der Stadt. In den letzten 15 Jahren hat Dum Dum Records, 1981 gegründet, seine Bedeutung für die Undergroundmusik allerdings fast gänzlich eingebüßt, heute findet kaum mehr DJ-Nachwuchs in den im Durchgang eines Bürogebäudes gegenüber der Oper gelegenen Shop. Die guten alten Zeiten, als junge Musikfreaks wie Makossa oder Erdem Tunakan späteren Superstars wie Peter Kruder und Richard Dorfmeister die neuesten Scheiben aus England über den Ladentisch reichten, sind lange vorbei. "Wir waren damals die Ersten, die Platten importiert haben. Bei uns sind alle, die sich später als DJs und Producer einen Namen gemacht haben, ein-und ausgegangen", erzählt Dum-Dum-Chef Wolfgang Strobl, selbst jahrelang am DJ-Pult der Disco U4 praktisch angeschraubt. An die Zeit, als Wagner-Lapierre bei ihm arbeitete, kann sich der Shopbetreiber noch gut erinnern: "Als ich mal krank war, hat er statt mir im U4 aufgelegt und ab da war er dann regelmäßig dabei."

Dass im U4 einmal legendär gute Musik abseits des Mainstreams gespielt wurde, sei hauptsächlich auf dem Mist der Dum-Dum-Partie gewachsen, betont Strobl. Wehmut überkommt den Plattenboss bei diesem Gedanken keine - der Mann steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. "Die Zeiten sind jetzt halt anders, Musikträger sind zum puren Gebrauchsgegenstand geworden." Strobl, 49, ist bis heute selbst DJ, seit zwei Jahren bespielt er den Club Fledermaus, in dem Musik vor allem für eines gebraucht wird: zum Partymachen. Als Captain Wolf bestreitet er regelmäßig die La-Paloma-Nacht und spielt deutsche Schlager. Auch in seinem Zwanzig-Quadratmeter-Laden hat inzwischen der Kommerz Eingang gefunden: Guns'n'Roses und James Last bekommt man hier ebenso wie Bob Dylan oder Johnny Cash. Makossas Debütalbum hat Strobl natürlich auch im Programm: "Ist ja klar, dass wir das haben müssen." Die Platte gefällt Strobl ganz gut, sagt er. "Allerdings kommt sie viel zu spät, die Elektrowelle ist längst vorbei."

Dass er nicht schon früher etwas Eigenes gemacht hat, bereut Makossa nicht. "Da war einfach die Zeit noch nicht reif für mich. Ich war damals sehr stolz auf Kruder und Dorfmeister, selbst hätte ich es nie so durchziehen können wie sie." Was ihm hingegen sehr leid tut, ist, dass er nie ein Musikinstrument gelernt hat. "Mir hat einfach die Disziplin gefehlt, ich war lieber am Fußballplatz." An seine allererste Platte erinnert sich Wagner-Lapierre noch gut: eine Hitcompilation, die ihm seine Oma bei Donauland bestellte. "Das war eine ziemliche Enttäuschung. Darauf spielte nämlich irgendein Soundorchester die Nummern bloß nach."

Jeder in der Szene kennt ihn, aber kaum jemand weiß mehr über Makossa, als dass er ruhig, freundlich und ein Familienmensch ist. "Den kenn ich wirklich schon urlang, aber mir fällt überhaupt nichts zu ihm ein", sagt etwa DJ und Musikjournalist Samir Köck, der früher ebenfalls regelmäßig das Dum-Dum-Geschäft frequentierte. Hat der Mann im Schatten überhaupt keine Feinde? "Ich bin nicht der große Sprücheklopfer und sehr konfliktunfreudig. Jetzt im fortgeschrittenen Alter versuche ich sowieso, jede Konfrontation zu vermeiden", sagt Makossa über sich selbst. Er hofft, dass es nicht viele gibt, die ihn als Feind sehen. "Wobei es sicher Musiker gibt, die eine Wut auf mich haben, weil ich ihre Musik nicht so oft im Radio spiele, wie sie es sich wünschen würden."

Sein erster Förderer erinnert sich nach längerem Nachdenken an jemanden, mit dem Makossa früher des Öfteren im Clinch lag. "Mit dem Peter Rauhofer, der zur gleichen Zeit wie er bei mir arbeitete, gab's manchmal Streit, nichts Schlimmes, kleine Eifersüchteleien halt", sagt Wolfgang Strobl. Meistens ging's dabei - eh klar - um Platten. "Wenn wir von einem neuen Album, das wir alle drei haben wollten, nur zwei aus England ergattern konnten, gab es hin und wieder Ärger. Denn eine bekam der Chef, die andere mussten sich die beiden teilen. Und das ist nicht ganz leicht." Rauhofer lebt inzwischen als Remixer und Producer in den USA, hat für Madonna, Depeche Mode und Paris Hilton gearbeitet und vor ein paar Jahren einen Grammy bekommen.

Unter Vinylmangel leidet Makossa heute nicht mehr. Eher daran, dass sein Heim irgendwann zu klein für die Plattensammlung werden könnte. "Wir haben schon über einen Anbau nachgedacht, momentan bin ich aber schon dankbar, dass mir ein befreundeter Tischler das Regal bis zur Decke aufgestockt hat. Jetzt kann ich das alles einmal ordnen, vorher lag das Zeug teilweise am Boden herum." 20.000 Platten und noch einmal so viele CDs, schätzt Makossa, umfasst seine Sammlung. Die Muße, tagelang Tonträger zu ordnen, wird er allerdings so schnell nicht haben, da macht sich der Workaholic nichts vor. "Die letzten eineinhalb Jahre waren schon extrem, neben dem Vierzig-Stunden-Job haben wir mehrere Nächte pro Woche am Album gearbeitet. Aber grundsätzlich ist mir lieber, ich habe mehrere Projekte gleichzeitig laufen, als dass ich nicht weiß, was ich mit meiner Zeit anfangen soll." Damit ihm auch künftig nicht fad wird, will er bald wieder ins Studio, um ein zweites Album mit Megablast aufzunehmen - was zwangsläufig bedeutet, ein paar weitere Jahre in Clubs abzuhängen. "Das macht mir nichts, mit dreißig glaubt man, vierzig ist richtig alt, aber die Musik hält jung", sagt das DJ-Urgestein. So lange er es körperlich schafft, will Makossa weitermachen. "Meine größte Angst ist, dass es irgendwann gesundheitlich nicht mehr geht. Leider ernähre ich mich sehr schlecht und mache keinen Sport." Seit kurzem raucht er auch wieder - nach sechs Jahren Pause. "Meine Tochter hat jetzt damit angefangen, und da schnorre ich halt hin und wieder."

Martina Stemmer in FALTER 13/2007



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