Orhcidee

Pia Palme


Formulierungskunst

Zeitloses verschränke sich mit linearem Zeitgefühl, behaupten Manon Liu-Winter und Klaus Hollinetz von ihren beiden knapp halbstündigen Improvisationen auf "Soundfishing" (Einklang) im Beiheft - und übertreiben damit nicht. Die Pianistin und der Elektroniker beweisen ein dramaturgisch sicheres Gespür für die klingende Gestaltung von Zeit, halten inne, wo es sich lohnt, treiben die Spannungsbögen weiter, bevor es langweilig wird. Da stört es gar nicht, dass ihre Idee, sich auf die weitgehend freie Suche "nach einer Erweiterung der Klangmöglichkeiten eines Flügelinnenraums" zu machen, alles andere als taufrisch ist. So überzeugend wie hier gelingt die computergestützte Verdichtung, Dehnung, Verschiebung unorthodox erzeugter Klavierklänge selten - auch in klanglicher Hinsicht, etwa wenn durch den Nebel des obligaten Computerknisterns ein paar lose, beinahe unheimlich zärtliche Akkordfetzen wehen.

Filigrane Momente wie diesen bietet auch Elisabeth Flunger auf "Song" (Extraplatte), und das ist durchaus bemerkenswert, bedient sich die improvisierende Perkussionistin doch eines eher handfesten Instrumentariums: Radkappen, Blechschüsseln, Metallfedern, Eisenstangen, Zinkbleche, Kupferrohre (mit denen man übrigens auf ihrer Homepage auch selber spielen kann: www.eflunger.com). "Physische Aktion verdichtet sich zu knappen, prägnanten und emotional aufgeladenen musikalischen Formen", formuliert der Begleittext und lässt offen, welche Rolle dabei der Zufall spielt. Das ist letztlich aber auch egal; wichtiger ist, dass Flunger in ihren 24 kurzen "Songs" den Faktor Zeit voll im Griff hat.

Das Ringen um Worte zur eigenen Musik wird auch auf "Orhcidee" (Extraplatte) von Pia Palme deutlich. "Meine Ohren vermitteln zwischen innen und außen; horchen, hören schafft Austausch; Zeit/Geist/Raum bleibt offen und schreitet synchron mit der Musik fort", formuliert die improvisierende Flötistin und Elektronikerin im Begleitheft etwas wolkig, aber irgendwie passend zu ihrem luftigen Instrument. Auf ihrer "mehrdimensionalen Forschungsreise" stößt sie auf viele faszinierende Töne, Geräusche, Motivfetzen, Rhythmen. Doch scheinen diese eher eingefroren und bis zum Letzten ausgekostet als weiterentwickelt zu werden. So wirkt das Doppelalbum letztlich ziellos und mit seiner überambitioniert langen Spieldauer von knapp zwei Stunden eher wie ein musikalisches Selbstfindungs-und-verwirklichungsprojekt.

Carsten Fastner in FALTER 12/2007



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