The Art of Fiction

Jeremy Warmsley


Kunst und Karaoke

Popwunderkind Jeremy Warmsley gastiert mit seinem Debüt "The Art of Fiction" beim Grav2ty-Festival in Wien.

In gutsortierten Plattensammlungen mit alphabetischem Ordnungssystem wird Jeremy Warmsley bald sehr nahe bei Scott Walker stehen. Recht so, das hat er sich verdient. Wenn man Walkers erratisches Spätwerk ausklammert und an dessen frühe Solojahre denkt, ist die Vorbildfunktion seiner Balladenkunst für Warmsleys elegischen Folkpop nicht zu leugnen.

Freilich ließen sich mit der Musik des 23-jährigen Londoners ebenso die Beatles, Sufjan Stevens, Patrick Wolf, Rufus Wainwright, Radiohead, Brian Eno, Aphex Twin oder Steve Reich assoziieren. All jene Vergleiche wurden Songs wie "I Believe in the Way You Move" oder "Dirty Blue Jeans" auch bereits zugedacht. Doch besteht Warmsleys Kunst auf seinem Debüt "The Art of Fiction" nicht in cleverer Zitatenklauberei, noch baut er ein postmodernes Verweismonster, er macht schlicht schöne Popmusik, die sich durch das berühmte Eitzerl mehr unterscheidet.

Mag man der Legende Glauben schenken, dann hat der bebrillte Halbfranzose erst vor zwei Jahren ernsthaft mit dem Musikmachen angefangen. Damals begann sich sein Interesse an elektronischen Klängen mit jenem für Poesie zu verschränken. Erste Songs zu rumpelnden Beats entstanden. Mittlerweile ist die Elektronik in die zweite Reihe zurückgetreten, im Kern besticht Warmsleys Musik durch Melodien. Die oftmals ein wenig gegen den Strich gebürsteten Arrangements besorgen den Rest: Ideenvielfalt und Eingängigkeit stehen sich hier mal nicht im Wege.

Die letzten Jahre wurden im Pop durch das große, nicht immer erfreuliche Comeback der Authentizität gekennzeichnet. Warmsleys Songs dagegen leben von einer Mischung aus persönlich wirkenden Texten ("I knew her face was a lie, still I believed it was true", singt er im Falsett der Verzweiflung) und vertonten Kurzgeschichten. Grandios etwa "5 Verses", in dem eine zufällige Begegnung in einer Karaokebar eine verzwickte Beziehung begründet.

Stilistisch scheint Warmsley dabei zwischen kammermusikalischem Pop, Sixties, Folk und Electronica fast jedes Mittel satisfaktionsfähig, so es seine Ideen zu transportieren vermag. An der Umsetzung fällt erfreulich auf, dass die elf Songs trotzdem nicht zerfransen, sondern höchst konzentriert klingen. Ein zweites Album soll übrigens bereits zur baldigen Veröffentlichung bereitliegen. Dann wird sich wohl auch weisen, was "The Art of Fiction" noch in der Schwebe lässt: ob Warmsleys Weg eher Richtung Indiepopstar oder sympathischer Kauz geht.

Auf seinen Auftritt im Rahmen des Grav2ty-Festivals im Planet Music darf man ebenso gespannt sein - auch darauf, wie die in Heimarbeit aufgenommene Platte von einer Band gespielt klingt. So oder so wird der junge Mann, der auf seinem Albumcover mit Vogel posiert, schon am frühen Abend ein paar der bemerkenswertesten Songs trällern, die zurzeit entdeckt werden wollen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2007



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