The Line Up

BassDrumBone


Dreierziegel

Viele der berühmtesten Jazzbands (sagen wir das John Coltrane Quartet oder die beiden Quintette von Miles Davis) existierten nur ein paar Jahre. Es ist daher schon extrem beeindruckend, ja fast ein bisschen spooky, dass BassDrumBone nun schon seit dreißig Jahren bestehen und diesen Umstand mit einer Tour feiern, die sie auch nach Wien bringen wird. Der Knochen am Schluss des Namens ist natürlich die Hälfte der "Trombone", also der Posaune von Eay Anderson, die anderen, nicht sehr schwer zu identifizierenden Instrumente werden von Mark Helias und Gerry Hemingway bedient - allesamt ausgewiesene Meister ihres Faches.

Dass die instrumentaltechnischen Fähigkeiten der drei Herren, die natürlich auch in vielen anderen Projekten engagiert sind, aber nie zu eitler Virtuosität verkommen, kann man auf "The Line Up" (Clean Feed) nachhören. Das sehr kompakte Trio findet zu gelassener Rasanz, orientiert sich immer wieder am Blues und überzeugt gerade in den ruhigeren Momenten: "And Then Some" lässt einen Hauch von balladesker Laszivität à la Ellington aufkommen; "On Solid Ground" ist von geradezu gospeliger Inbrunst.

Paul Motian ist einer der stillen Helden des zeitgenössischen Jazz. Der Schlagzeuger, der dieser Tage seinen 76. Geburtstag feiert, bringt jedes Jahr gefühlte zwei Platten raus und ist der mental unschlagzeugigste Drummer der Welt. Seine hohe Kunst des sparsam akzentuierten Flows, der einen gleichmäßigen Swingbeat allenfalls für Sekunden andeuten mag, wird auf "Time and Time Again" (ECM/Lotus) von Bill Frisell und Joe Lovano kongenial begleitet. Gemeinsam sinnt man - introvertiert und dennoch hellwach; melancholisch, aber nie sentimental - betörenden Melodien oder Melodiepartikeln nach, dreht und wendet diese und hält generell die Erinnerung daran wach, dass Musik eine Kunst des Moments ist.

Zum Tigersprung in die Vergangenheit setzt "Vaghissimo Ritratto" (ECM/Lotus) wiederholt an, denn die Suche nach schönen Melodien führt Gianluig Trovesi (cl), Umberto Petrin (p) und Fulvio Maras (dr) bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. Wobei die Anleihen bei Orlando di Lasso oder Claudio Monteverdi kühn mit Jacques Brel oder dem frühverstorbenen italienischen 60ies-Barden Luigi Tenco verknüpft wurden. Das Ganze ist fraglos etwas überkonzipiert, erreicht aber dank der stupenden Musikalität der Beteiligten ein erstaunliches Maß an Überzeugungskraft.

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2007



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