Parade

Garish


Weinen im Bus

Am sensiblen Pop von Garish scheiden sich die Geschmäcker. Für ihr neues Album hat die burgenländische Band ihren Sound entschlackt.

Er weine lieber im Taxi als im Bus, soll Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt haben. Umgelegt auf das dieser Tage veröffentlichte Album "Parade" der in Wien ansässigen burgenländischen Band Garish müsste es heißen: Das ist Musik für Menschen, die lieber im Bus weinen. Soll heißen: Es darf auch mal etwas sparsamer musiziert werden. Wohlgemerkt: Hier ist es gut so.

Arcade Fire wären ohne Pomp und Grandezza nur ein Schatten ihrer selbst, bei Garish gestaltet es sich genau umgekehrt. Wo ihr letztes Album "Absender auf Achse" (2004) noch mit großem Orchester große Gefühle ein bisschen erzwingen wollte, markiert "Parade" eine neue Bescheidenheit, die dem Balladenpop des Quintetts gut ansteht. Instrumente und Gesang harmonieren weit besser als zuvor, und auch die Betonung des Rhythmus in Songs wie "Sagst du auch nein" oder "Wie wahr" gefällt.

"Es ist ein Bandalbum, das auf unsere Fähigkeiten reduziert ist", erzählt Sänger Thomas Jarmer, der im Gespräch gar nicht so lyrisch klingt, wie er singt, und sogar ein wenig burgenländischen Dialekt hören lässt. "Wir blicken vor jedem neuen Album auf das letzte zurück. Das Manieristische an ,Absender auf Achse' hat uns ein bisschen bedrückt, wir wollten uns diesmal musikalisch lieber in einem kleinen Raum bewegen, diesen dafür ausreizen."

Auf "Parade" klingen Garish viel direkter und dadurch entspannter. Bei den ersten Livepräsentationen habe sich das bereits positiv bemerkbar gemacht, erzählt Gitarrist Christoph Jarmer, der Bruder des Sängers: "Die Liveumsetzung der Platten war bislang immer schwierig, weil das oft so opulent war. Wir haben jetzt viel mehr Spaß auf der Bühne, können lockerer aufspielen und die Energie der Songs rauslassen." Nur der neue Umgang mit der Rhythmik mache mitunter noch Probleme: "Bei ,Sagst du auch nein' gibt es leichte Auffassungsschwierigkeiten, was den Einstieg betrifft."

Auch über Garish gehen die Meinungen auseinander. Vielleicht, weil sie eine Band sind, bei der Image und Inhalte nicht so recht zusammenpassen. Oder nicht mehr zusammenpassen. Die Stempel, die sie im Laufe ihres zehnjährigen Bestehens aufgedrückt bekommen haben - Pathospopper, Frauenversteher etc. -, sind schwer wieder loszuwerden. Ihre Musik dagegen war über vier Alben in stetiger Veränderung begriffen. "Ich mag selber Combos, die in ihrer Musik ruhen", sagt Jarmer, "aber bei Garish würde ich es als einen Rückschritt empfinden, wenn wir uns wiederholen."

Parade" klingt nun so ganz anders, dass auch jene Skeptiker, die die Band bis dato nur von ein paar Songs aus dem Radio kennen, sich das durchaus einmal anhören sollten. Andererseits könnte die musikalische Reduktion manchen Fan irritieren. Thomas Jarmer: "Wenn man nur unsere letzte Platte kennt und gleich danach die neue auflegt, ist das schon ein ziemlicher Bruch." Für die Band ist es das nicht, sie begreift ihren Soundtrack zum Film "Tintenfischalarm" als Bindeglied zwischen den Platten: "Der hat unseren Veröffentlichungsrhythmus um ein Jahr verzögert, aber wir konnten schon einiges ausprobieren."

Zählten Garish wegen Jarmers assoziativer Texte - die durchaus auch mal in die Hose gehen können, aber selten lauwarm sind - bislang zu den umstrittensten Bands Österreichs, ist nun ein Meinungsumschwung zu bemerken. "Parade" bekommt sehr viel Lob. Garish hätten sich "in die qualitativ oberste Liga österreichischer Musik gespielt", meint das heimische Musikmagazin now!. In TBA, einem anderen österreichischen Musikmagazin, sieht das selbst ein Punk-Urgestein wie Rainer Krispel sehr ähnlich. Nur der Standard hört nach wie vor "sehr betroffen klingende Lieder".

Was an der medialen Auseinandersetzung mit "Parade" betroffener stimmt, ist deren zeitweilige Fokussierung auf die Tatsache, dass Garish nunmehr bei einem Majorlabel veröffentlichen. Noch dazu bei jenem, das die Ex-Starmaniacs unter Vertrag hat und sich traut, Marktführer zu sein. Das riecht nach Ausverkauf. So stellt es sich offenbar auch für Szene-Insider dar. Wie kurzsichtig und blöd gedacht das ist, soll hier kurz exemplarisch an dieser total erfolgreichen österreichischen Band erklärt werden.

Garish sind doch furchtbar reich und erfolgreich, oder? Leicht gequältes Schmunzeln bei den Jarmer-Brüdern. "Das glauben die Leute, ja", sagt Thomas Jarmer. Klartext? "Geld verdienen in dem Sinn funktioniert mit Popmusik in Österreich nicht, das kann dich eigentlich nicht ernähren. Es ist jeder von uns nach wie vor mehr oder weniger hobbymäßig dabei." Der Großteil der Band hat Musik studiert und unterrichtet nun auf selbstständiger Basis, wenn gerade kein Album und keine Tour anstehen.

Mit ihrem halbprofessionellen Status haben sich Garish gut arrangiert. "Wir waren immer bescheiden in der Hinsicht", sagt Thomas Jarmer, "wir haben uns nie unrealistische Ziele gesteckt, sondern Schritt für Schritt gesetzt. Und wenn sich ständig Leute bei dir melden, weil sie deine Platte nirgendwo kaufen können, dann liegt der Schritt zu einem Majorlabel nahe. Die haben die notwendige Infrastruktur, damit die Platte auch in jedem Laden steht." Freilich: "Bei so einem starken Partner muss man mit festem Schuhwerk auftreten, sonst hat man kein Leiberl." Aber Jammern hat bei Garish sowieso noch nie gegolten.

Nachsatz: Ausgangspunkt dieses Artikels war die Überzeugung des Verfassers, Thomas Jarmer beginne den Refrain von "Rekord" mit den Worten "Tausend Dank, ich nehm den Bus". Vielleicht hat ja gerade der Plattenfirmenmanager mit der goldenen Kreditkarte gewinkt? Klingt auf jeden Fall charmant und auf unverbrauchte Weise poetisch. Ist aber ein Verhörer. Im CD-Booklet steht ganz profan: "Tausend Dank, ich nehm den Hut". Ohne Missverständnisse funktioniert die Garish-Rezeption noch immer nicht. Doch ist es gerade das, was diese Formation aus der Masse der eh irgendwie coolen Bands heraushebt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×