Myth Takes

!!! (Chk Chk Chk)


Bam! Bam! Bam!

Diskurs und Discokugel, oder: das Berliner Intellektuellenpopmagazin "Spex" und die neuen Alben von !!! und LCD Soundsystem.

Vergangenen Dezember ist das Kölner Intellektuellenpopmagazin Spex dahingeschieden, jetzt feierte es in Berlin mit einer gänzlich neuen Redaktion und großteils auch neuen Autorinnen und Autoren Wiederauferstehung. Grafisch überarbeitet, soll das "Magazin für Popkultur" künftig zweimonatlich erscheinen und in seiner Themensetzung unabhängiger vom popkulturellen Alltagsgeschäft agieren.

Mit Texten über kanonisierte Ikonen wie den wiedererstarkten Nick Cave, die Hamburger Diskursband Blumfeld, den ewigen britischen Punk-Grantler Mark E. Smith oder den vor zehn Jahren verstorbenen Künstler und Lebensverschwender Martin Kippenberger wirkt das neue Spex auf den ersten Blick wie eine Zeitreise in Sachen kluger deutschsprachiger Popkritik; bei genauerem Hinsehen erweist sich seine Qualität vorerst noch als eher durchwachsen. Dass nach wie vor Spex am Cover steht, ist der Sache nicht unbedingt dienlich, stand dieser Name doch einmal für eine zuverlässige Welterklärungsinstanz - und zuletzt eben auch für das Problem, dass die verbindliche Welterklärung im fragmentierten und gleichzeitig extrem beschleunigten Pop der Gegenwart nicht mehr so recht funktionieren will.

Ähnliche Überlegungen beschäftigten auch den New Yorker Musiker und Produzenten James Murphy, als er vor fünf Jahren "Losing My Edge" aufnahm, die Debütsingle seines LCD Soundsystem. Ein alternder Hipster ringt darin mit dem Verlust von Coolness und Definitionsmacht, indem er, auf geradezu manische Weise, diverse große Popmomente herunterrattert und zusehends hysterischer beschwört, dabei gewesen zu sein. Von punkigem Gestus und einem rappeligen Elektro-Beat geprägt entwickelte sich "Losing My Edge" über die Underground-Clubhymne hinaus zum Sinnbild für den aktuellen Stand der Dinge im Pop der Nullerjahre.

Murphy wurde in der Folge nicht nur mit seinem eigenen Projekt, sondern auch als Produzent für Bands wie The Rapture und als Mitbetreiber des DFA-Labels bekannt; zuletzt kaufte sich der Turnschuhhersteller Nike seine Credibility über eine exklusiv angefertigte Musikproduktion ein. Die Schneid hat Murphy indes noch niemand abgekauft, wie sein neues Album "Sound of Silver" zeigt. Ausgesprochen geschickt kombiniert das LCD Soundsystem hier die Form und den Sound discoider Clubmusik mit mehr als nur einem Hauch Dance-Rock und der Erzählstruktur klassischer Popsongs; beim Heimweg aus der Disco singt der Exindierocker Murphy seiner Heimatstadt abschließend gar ein skeptisches Liebeslied: "New York, I love you, but you're bringing me down".

Unterm glitzernden Licht der Discokugel strahlen auch Murphys Punk-Funk-Kollegen !!! (sprich: "Chk Chk Chk", bei Bedarf aber auch gerne: "Bam Bam Bam", "Dance Dance Dance" oder "Geil Geil Geil"), die vor einigen Jahren mit dem etwas anderen Big-Apple-Song "Me and Giuliani Down by the Schoolyard" bekannt wurden.

Für die Aufnahme ihres neuen Albums "Myth Takes" sind die New Yorker zum Jammen raus aufs Land gefahren. Dort haben sie sich zwar gelegentlich ein wenig verdaddelt, im Kern aber verspielte Funkdeutungen neuerlich schlüssig mit eleganter Rhythmik kombiniert. "Take Ecstasy with Me" forderten !!! im Titel ihrer letzten Single, jetzt gesteht der illustre Haufen: "All My Heroes Are Weirdos". Ein bisschen Grenzüberschreitung schadet eben nie, und getanzt wird immer, solange der Beat passt - da mag der popkulturelle Lauf führen, wohin er will.

Gerhard Stöger in FALTER 11/2007



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