intrinsic motion

Heribert Friedl


Günters Erben

Das Wiener Label Nonvisualobjects von Heribert Friedl und Raphael Moser lotet den Minimalismus aus und will damit die Stille wieder erträglich machen.

Am Anfang steht das Nichts. Mit Stille oder kaum wahrnehmbaren Geräuschen beginnen die meisten Veröffentlichungen des jungen Wiener Labels Nonvisualobjects (kurz: NVO). Langsam schälen sich dann Sounds heraus und werden in langen Stücken von verschiedenen Seiten unter die Lupe genommen. Um am Ende wieder abzuschwellen und zu versiegen.

"Man muss unsere CDs sehr bewusst hören", sagt der Musiker und bildende Künstler Heribert Friedl, der NVO zusammen mit dem bildenden Künstler und Grafiker Raphael Moser betreibt. "Man ist heute völlig anders konditioniert, man erträgt die Stille nicht mehr. Es ist anfangs eine Anstrengung damit verbunden, sich in diese Musik einzuhören. Aber es ist eine absolute Befriedigung, wenn sich in so einem minimalen Bereich plötzlich eine Weite auftut."

NVO veröffentlicht Nischenklänge, die innerhalb der Wiener Elektronikszene noch einmal eine Extranische besetzen. Das war auch der Grund, 2005 ein eigenes Label zu gründen: Es existierte in Wien keine Plattform für Musik, wie Friedl und Moser sie mögen. "Es gibt hier die Mego-Tradition, wo auch Anarchie immer eine Rolle gespielt hat, und auf der anderen Seite die Impro-Szene um das Durian-Label und Christof Kurzmann", so Friedl. "Das Mosz-Label wiederum geht mehr in die Poprichtung", ergänzt Moser. "Unsere Art von reduzierter Musik passte nirgends richtig rein."

Es ist eine relativ neue Art von Musik, die NVO propagiert. "Die großen Minimalisten wie Morton Feldman oder John Cage sind im Hintergrund noch präsent", erklärt Friedl, "aber die eigentliche Tradition beginnt für uns Anfang, Mitte der Neunziger." Als Referenzarbeiten in ihrem Feld begreifen Friedl und Moser etwa die soundcollagehaften Soloplatten von Mika Vainio, einer Hälfte des finnischen Elektronikduos Pan Sonic. Der Pate ihres Sounds aber ist der deutsche Musiker Bernhard Günter.

Wenn sie von Günter erzählen, beginnen die Augen der Labelmacher zu leuchten. Eigentlich von der E-Musik kommend, begann ihr Vorbild, das mittlerweile auch Kooperationspartner von Friedl ist, nach Studien bei Pierre Boulez Mitte der Achtziger elektroakustische Musik zu komponieren. Sein Album "Un peu de neige salie" (1993) übt auf die kleine Szene bis heute einen großen Einfluss aus. "Raphael hat mir die CD aus Japan geschickt, da bin ich total reingekippt", schwärmt Friedl.

Heribert Friedls musikalische Sozialisation umfasst ganz konträre Bereiche. Als Kind lernte er in der Steiermark das Hackbrettspielen. "Mit 15 war das natürlich uncool, und ich habe es in die Ecke gestellt." Anfang der Neunziger agierte er in Hardcore/ Punk-Gitarrenbands und machte "extrem noisige" Performances. Als Student an der Universität für angewandte Kunst pflegte er dagegen von Anfang an einen gewissen Minimalismus. Dann kam bei der Musik der Computer ins Spiel, und schließlich wuchsen die beiden Bereiche zusammen.

Heute findet auch das Hackbrett bei Friedl wieder Verwendung: "Irgendwann habe ich es hervorgeholt und war überrascht, was man damit anstellen kann." Seine Alben - wie aktuell "Back_Forward" - beruhen auf Hackbrettaufnahmen, die er später am Computer bearbeitet. Ein Markenzeichen will er aus dem Instrument indes nicht machen: "Ich habe das Gefühl, es langsam ausgereizt zu haben. Außerdem will ich nicht als ,der mit dem Hackbrett' enden."

"Der mit den Covers" ist sein Partner Raphael Moser. Er macht selbst keine Musik, sondern konzentriert sich neben der sonstigen Labelarbeit auf das Design und die Verpackung der CDs. "Das Packaging ist extrem wichtig", sagt er. "Wir wollen damit bewusst einen Gegenpol zur Downloadkultur setzen." Die vierfärbig bedruckten Kartoncovers, in die NVO-CDs verpackt sind, lassen sich zum Glück nicht runterladen. Hintereinander aufgestellt, ergeben sie außerdem eine Art Edition und sprechen damit die Sammlerleidenschaft an.

Die bislang neun Veröffentlichungen sind alle in 300er-Auflagen erschienen. "Das sind kleine, aber realistische Stückzahlen", so Moser. "Die erste CD zum Beispiel war relativ schnell ausverkauft. Wobei wir hier in Wien bislang vielleicht zehn Stück verkauft haben. Die meisten CDs gehen nach Japan und über Spezialvertriebe in alle Winkel der Welt, wo eben ein Interessent sitzt."

NVO-Musik ist abstrakt. Sie hat keine Verbindung zum Popuniversum, entspringt aber auch nicht einem definierten E-Bereich. Deshalb bedarf sie der Erklärung, die sich auf jedem CD-Cover in Form einiger einführender Sätze des jeweiligen Musikers findet. Im Laufe des Frühjahrs wird zur noch besseren Verständlichkeit ein Buch/CD-Paket erscheinen, das nebst Stücken von 22 Musikern auch deren Selbstporträts in Wort und Bild enthält.

Kopfzerbrechen bereitet Friedl und Moser eigentlich nur mehr die Livedarbietung ihrer abgespeckten Sounds. Zwei Jahre hat es gedauert, bis nun ein erster Labelabend stattfindet. "Es braucht eine ruhige Umgebung für diese Musik", erklärt Friedl. Mit Schrecken erinnert er sich an ein gemeinsames Konzert mit John Norman von Radian im Elektroniklokal rhiz zurück: "In dem Setting waren leise Töne natürlich fehl am Platz. Die Leute wussten nicht, ob wir schon spielen oder noch Soundcheck machen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 10/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×