Grinderman

Grinderman


Band ohne Scham

MUSIK Nick Cave hat mit drei seiner Bad Seeds das dreckige Dritteldutzend Grinderman gegründet. Im Interview verraten die Herren alles über Sex, Bärte und Rock 'n' Roll.

Im Herbst wird Nick Cave fünfzig Jahre alt. Andere legen sich in diesem Alter Sportwägen und junge Freundinnen zu. Cave trägt sein schütteres Haar lang, dazu einen Wildwestbart, und er hat eine neue Band gegründet: Grinderman. Im Verbund mit Warren Ellis, Jim Sclavunos und Martyn Casey, die alle auch seiner langjährigen Begleitband The Bad Seeds angehören, entfernt er sich von den balladenhaften Tönen seiner letzten Alben und wendet sich wieder brachialeren Klängen zu.

"Grinderman", das dieser Tage zu Recht allerorts bejubelte Debütalbum des Quartetts, ist aber keine Rückkehr zum Lärm von Caves erster Band, Birthday Party, oder den frühen Bad Seeds. Es lebt vielmehr von der abgespeckten Besetzung der Combo, von einem gewissen Minimalismus, der die einzelnen Instrumente für sich stehen lässt und die raue Energie der Jamsessions transportiert, bei denen Cave viel Gitarre gespielt hat. Auch inhaltlich lässt "Grinderman" nichts anbrennen. Die Texte handeln von Männern und Frauen, im Besonderen vom männlichen Blick auf Frauen. Im furiosen "No Pussy Blues" darf der Meister seinen oft übersehenen Humor ausspielen, wenn er von den erfolglosen Bemühungen erzählt, eine Angebetete rumzukriegen: "I read her Eliot, I read her Yeats ..."; "I sent her every type of flower ..."; "But still she just didn't want to". Auch beim Falter-Gespräch, das am Rande von Caves Wien-Konzert im vergangenen November stattfand, hatte die Band ihren Spaß und nahm erst mal den Interviewer ins Verhör.

Warren Ellis: Was ist das für ein Gerät, das Sie da haben?

Falter: Ein MP3-Player, gleichzeitig ist es ein Aufnahmegerät.

Nick Cave: Haben Sie unsere Songs denn schon gehört?

Ja.

Jim Sclavunos: Echt, wurden die schon rausgegeben?

Ihre Plattenfirma hat sie an die Journalisten, die heute mit Ihnen sprechen, als MP3-Dateien verschickt. Sie sind auch auf diesem Gerät gespeichert.

Warren Ellis: Sie könnten die Songs jetzt also ins Internet stellen?

Ich glaube schon, aber die Dateien sind mit einem digitalen Wasserzeichen versehen, das sich zurückverfolgen lässt. Ich würde wahrscheinlich ...

Nick Cave (lacht): Sie würden ins Gefängnis kommen. So sind die Zeiten. Wir würden uns sogar persönlich darum kümmern, Sie ins Gefängnis zu bringen. Und noch eine Spezialbehandlung für Ihren Hintern organisieren.

Warren Ellis: 22 Stunden pro Tag im Duschraum!

Nick Cave: Sie wissen ja, was mit Journalisten im Gefängnis passiert. Aber zur Sache jetzt, reißt euch zusammen, Grindermen!

Wie ist dieser Haufen entstanden? Es scheint, als hätten Sie eine Ablenkung von der üblichen Nick-Cave-&-The-Bad-Seeds-Routine gesucht.

Nick Cave: Exakt. Wir haben bemerkt, dass wir in dieser Viererbesetzung sehr schnell, spontan und instinktiv arbeiten. Und ich muss sagen, das Resultat klingt verdammt großartig.

Warren Ellis: Bei den Bad Seeds gibt es gewisse Grenzen, hier können wir sie überwinden. Es macht nichts, wenn man falsch spielt, man muss sich in dieser Band für nichts genieren. Auch wenn es furchtbar klingt, spielen wir weiter, bis zum bitteren Ende. Ein sehr gesunder Ansatz.

Nick Cave: Manchmal ist es unglaublich unterhaltsam, faule und schlechte Musik zu spielen. Mit den Bad Seeds geht das nicht. Da sind so viele Leute, und die Proben lassen sich nur so schwer koordinieren, dass wir keine Zeit mit schäbigem Rummucken vergeuden können. Dafür gibt es dieses Format. Wir gehen einfach vier oder fünf Tage in ein Studio und spielen, was auch immer uns gerade einfällt. Jazz. Oder Reggae. Oder lausigen Rock 'n' Roll.

Martyn Casey: Wir arbeiten nicht zielgerichtet.

Nick Cave: Es muss nichts rauskommen bei den Sessions. Gerade deshalb wohl funktioniert Grinderman bislang so gut.

Das klingt alles sehr erfreulich, aber auch ein wenig, als wären die Bad Seeds anstrengend.

Nick Cave: Nein, Grinderman macht einfach viel mehr Spaß. Das heißt nicht, dass ich nicht nach wie vor jeden Tag in mein Büro gehen würde, um Songs für die Bad Seeds zu schreiben. Das werde ich machen, bis ich sterbe. Kann doch auch lustig sein, so ein Tag im Büro. Zumindest dann, wenn man alleine dort ist. Grinderman ist eine Ablenkung davon.

Ungewöhnlich ist, dass Sie bei Grinderman viel und laut Gitarre spielen.

Nick Cave: Ich fand, ich sollte mal auf einem anderen Instrument Songs schreiben. Man entwickelt über die Jahre doch so seine Routinen, wenn man ständig das gleiche Instrument benützt. So geht es mir mit dem Klavier. Wissen Sie, ich mag es eigentlich gar nicht. Die Gitarre ist viel nachsichtiger.

Warren Ellis: Die Gitarre belohnt einen sehr schnell. Man schlägt einen E-Dur-Akkord an, und es klingt gleich annehmbar.

Nick Cave: Du kannst ein Anfänger auf der Gitarre sein und wie Velvet Underground klingen!

"Grinderman" ist inhaltlich eine ziemlich, wie soll ich sagen, männliche Platte geworden, nicht?

Nick Cave: Oh ja. Es ist nicht direkt das musikalische Äquivalent eines Frauenfilms. Unglücklicherweise wahrscheinlich.

Warren Elllis: Aber war das nicht auch schon das letzte Bad-Seeds-Album "Abattoir Blues"?

Nick Cave: Das würde ich keine männliche Platte nennen, nein. Ich glaube, die Grinderman-Platte spricht spezifisch männliche Probleme an. Das war nicht geplant, und vielleicht wird es uns auch noch auf den Kopf fallen, aber es ist nun mal so. Andererseits sind die Reaktionen, die wir auf den Song "No Pussy Blues" von Frauen bis jetzt bekommen haben, erstaunlich gut. Die flippen regelrecht aus, seitdem der Song auf MySpace steht.

Es war auch nicht so gemeint, dass Frauen keinen Spaß an dieser Platte haben könnten. Speziell "No Pussy Blues" ist ja auch ein sehr lustiger Song.

Nick Cave: Absolut, Humor ist wichtig. Aber genauso können wir ernst sein.

Aus der ernsten Ecke gibt es "Go Tell the Women That We're Leaving", der mir ein Schlüsselsong zu sein scheint. Ich habe allerdings noch nicht ganz rausbekommen, wovon er genau handelt.

Nick Cave: Das haben jetzt schon einige Leute gefragt, dabei ist es ganz einfach. Der Text drückt aus, wie ich die Welt im Moment sehe. Ich spreche davon, wo wir als Gesellschaft angekommen sind. Wir haben uns entwickelt, wir sind große Mathematiker und bedeutende Künstler, doch wir sind verloren. Wir haben nichts mehr, an das wir noch glauben könnten. Religion beispielsweise ist heute etwas, mit dem wir nur mehr Psychos und Fanatiker assoziieren.

Und was meint der Titel "Go Tell the Women That We're Leaving" in dem Zusammenhang? Ziehen sich die Männer vor den Frauen zurück?

Nick Cave: Aber wo, im Gegenteil! Der Typ, der spricht, hat seinen Sermon runtergeleiert er hat seine Diagnose gestellt. Und es bleibt ihm nur ein Satz: Sagt den Frauen, dass wir gehen. Gemeint ist: Und sie gehen gefälligst mit! Wahrscheinlich sind Frauen das Letzte, das uns noch geblieben ist.

Der Name Grinderman kommt aus dem Blues, richtig?

Nick Cave: Ja, ich kannte diesen alten Memphis-Slim-Song "Grinderman Blues". Es gibt auch ein Stück von John Lee Hooker mit dem Titel "Grinderman". Ich finde, der Name hat etwas sehr Fundamentales. "Grind", das trifft auch auf die Musik zu, die wir machen: Sie mahlt, sie schleift.

Grinderman soll angeblich auch ...

Nick Cave: Es ist ein sehr sexueller Name, ja. Das ist ein Typ, der sich an Frauen ranschleicht, nicht unbedingt mit besten Absichten. Ein Raubtier, aber ein ziemlich neurotisches.

Wir müssen natürlich auch über all die Haare sprechen, auf Ihren Köpfen und in den Gesichtern. Soll da ein Markenzeichen kreiert werden?

Nick Cave: Nein, wir haben die Bärte unabhängig voneinander wachsen lassen.

Warren Ellis: Ich habe meinen schon für eine Konzertreihe mit den Dirty Three wachsen lassen.

Ihrer ist auch der längste.

Warren Ellis: Danke.

Nick Cave: Ich dagegen habe meinen wachsen lassen, weil er einfach cool aussieht.

Jim Sclavunos: Ich hatte schon mal einen, habe ihn aber abrasiert. Dann habe ich ein Video von mir mit Bart gesehen. Ich sah darin dermaßen toll aus, dass ich wieder einen haben musste.

Nick Cave: Unsinn, du hast ihn dir doch aus Solidarität anlässlich der Krawattenparty von Saddam Hussein wachsen lassen. Deine Ähnlichkeit mit ihm ist verblüffend.

Warren Ellis: Ich finde, Jim braucht noch mehr Weiß in den Barthaaren. Und Implantate für die Augenbrauen. Ansonsten kommt es ziemlich hin. Martyn hat seinen Bart leider abrasiert, er will beim Casting für "Star Trek" mitmachen.

Nichts für ungut, meine Herren, aber wie Sie hier so rumalbern, macht Grinderman ein bisschen den Eindruck eines "Schmutzige alte Männer"-Camps.

Nick Cave: Klar, das ist ein Teil vom Spaß! Ein ganz wichtiger sogar.

Warren Ellis (nachdem er sich erst seines rechten Schuhes entledigt und ihn zur Riechprobe hochgehalten hat, dann dieselbe Routine mit dem Socken wiederholt): Verstehen Sie?

Jim Sclavunos: Ich glaube, wir werden als schmutzige alte Männer promotet.

Nick Cave: Wir sind schmutzige alte Männer.

Warren Ellis: Was ist falsch daran?

Nick Cave: Ich finde dennoch, die Platte als Ganzes ist recht komplex. Es gibt einige sehr simple Songs, die wie Comics aufgebaut sind, aber auch viel kompliziertere.

Warren Ellis: Außerdem können den "No Pussy Blues" ja nicht nur Männer in unserem Alter haben, den haben auch Teenager.

Als Teenager ist es mit der unfreiwilligen Enthaltsamkeit oft sogar noch schlimmer.

Warren Ellis: Furchtbar, erinnern Sie mich nicht daran.

Nick Cave: Ich persönlich muss sagen, ich habe mit an die fünfzig mehr Sex als je zuvor. Leider bin ich dabei allein.

(Allgemeine Erheiterung)

Nick Cave: Sie müssen entschuldigen, aber ich bin schon zu lange auf Tournee. Ich freue mich darauf, wieder nach Hause zu meiner Frau zu kommen und vielleicht auch wieder ein anderes Liebesleben zu entwickeln.

Danke für das Gespräch.

Warren Ellis (reicht ein Fläschchen Shampoo): Nehmen Sie das mit, Sie schmutziger junger Mann. Aber Vorsicht auf der Hoteltoilette, die ist komplett verspiegelt.

Jim Sclavunos: Und wir werden Ihnen schmutzige alte Männer hinterherschicken.

Warren Ellis: Gefällt Ihnen die Platte eigentlich?

Ja, die Energie ist toll.

Warren Ellis: Brillant ist sie. Ich habe vierzig Jahre lang darauf gewartet, diese Platte machen zu können.

Nick Cave: 14 Jahre?

Warren Ellis: Vierzig.

Nick Cave: Ach so, dann ist es ein nettes Zitat. Wir sollten es in unsere Pressemappe aufnehmen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 10/2007



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