Dust of Ages

Portnoy


Portnoys Beschwerden

Die Grazer Indie-Pop-Combo Portnoy wirbelt mit dem Coveralbum "The Dust of Ages" ordentlich Staub auf. Einfach tief durchatmen.

In einem Falter-Interview beklagten die derzeit hoch im Kurs stehenden Indie-Melancholiker Naked Lunch kürzlich das überzogene Revivaltum in der aktuellen Popproduktion: "Und dann heißt es auch noch, alle würden klingen wie Gang Of Four, dabei hat keine auch nur ansatzweise diese Messerschärfe, Brutalität und Härte." Auch Heimo Mitterer alias Portnoy spielt die legendären Gang of Four nochmals ein. Aber keine Sorge: Portnoy versuchen sich nicht an der hunderttausendsten Auflage der zeitgeistigen Retro-Punk-Funk-Disco. Und das hat nicht nur mit der Herangehensweise des seit den frühen Achtzigern tätigen Multiinstrumentalisten Heimo Mitterer zu tun, der bei der Auswahl der Songs kein Konzept, sondern das Herz hat sprechen lassen. Es liegt auch an den Künstlern, die auf "The Dust of Ages" mit einer Coverversion gewürdigt werden. Daniel Johnston etwa, der manisch depressive Outlaw-Folker, Inbegriff brüchigen Liedguts. Auch sonst tummeln sich auf der sechzehn Stück schweren Ehrerweisung altgediente Popheroen, die so gar nicht zusammenpassen wollen, von Portnoy aber im Stile britischer Popeleganz stimmig zusammengeführt werden. Und so folgt auf die Punkrocker Buzzcocks der brave Country-Liedmacher John Denver, an die Belfaster Punks Stiff Little Fingers schmiegt sich eine Version des Prince-Klassikers "Sign of the Times". Bei seinen Hörgewohnheiten zeigt sich Mitterer eben zutiefst liberal: "Vom Grenzlandchor Arnoldstein bis zur Klassik ist alles drinnen."

Das Orientieren an den Altvorderen ist sicher ein Zeichen der Zeit, bei Heimo Mitterer hat dieser Schritt auch andere Gründe. Er sei durch viele Krisen gegangen, sagt er. 1981 wurden Portnoy gegründet, benannt nach dem Titelhelden des Philipp Roth-Romans "Portnoys Beschwerden". Mitterers privaten Beschwerden ist es schließlich auch zu verdanken, dass in der 25-jährigen Bandgeschichte gerade einmal das vierte Werk veröffentlicht wurde. Und seine berufliche Karriere ist ähnlich irrlichternd wie die Zusammenstellung von "The Dust of Ages": Nach einem abgebrochenen Studium war er eine Zeit lang als Übersetzer tätig, landete dann bei einer medizinisch-technischen Firma und schließlich beim TÜV Österreich. Dass er jetzt wieder Popsongs auf ihre Tauglichkeit überprüft, hat nicht zuletzt therapeutische Gründe. Nach einer veritablen Schreibhemmung und einer gescheiterten Ehe wollte er sich eben auf gesichertes Wissen verlassen. Und so ist das von seinem elfjährigen Sohn geträllerte "My Way" nicht nur charmant, sondern funktioniert auch im Sinne der Familienwiederzusammenführung.

Heimo Mitterer ist allerdings kein zerknirschter Mann, auch das Album umgibt bei aller Melancholie eine äußerst positive Aura. Es als musiktherapeutisches Wiedereinstiegswerk nach "The Intervention of Solitude" (1995) und "The Anatomy of Melancholy" (2003) zu bezeichnen, würde dem Werk nicht gerecht. "With a Little Help from my Friends" findet sich darauf zwar nicht, von den bei ihm immer wieder werkenden Norbert Wally und Albrecht Klinger von The Base und der Schlagzeugerin Anne Weinhardt hat er sich dennoch unterstützen lassen. Dass sich Kunst und die triste Realität schwer verbinden lassen, weiß man - der feinfühlige Musiker Mitterer lässt sich gerade zum Netzwerkadministrator ausbilden -, folgerichtig findet sich auf dem Album auch die einst große linke Stimme der englischen Arbeiterschaft, der Songwriter Billy Bragg. Im Titel "The Dust of Ages" braucht man allerdings nach keinem doppelten Boden zu suchen, Mitterer fügt aber hinzu: "Dieser Staub haftet schon auch an mir."

Tiz Schaffer in FALTER 7/2007



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