Il divino boemo. Myslivecek: Symphonies

Josef Myslivecek, Concerto Köln


Sie nannten ihn Boemo

MUSIK Mit seinem Album "Il divino boemo" erinnert das Concerto Köln an die mitreißende Musik und an das abenteuerliche Leben des Mozartfreundes Josef Myslivecek.

Der Schreck saß Wolfgang Mozart tief in den Knochen. Nach Jahren hatte er einen alten Freund aus Kindertagen wieder getroffen, doch noch größer als die Freude darüber schien sein Entsetzen gewesen zu sein, Josef MyslivecÇek von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen - einem Mann, der nicht nur unter einer entstellenden Gesichtslähmung litt, sondern dem, im hilflosen Versuch, seine Syphiliserkrankung zu heilen, die ganze Nase weggebrannt worden war. Noch am Tag danach habe Mozart "schier nichts essen, und nur 3 stund schlaffen können. ich war den tag wie ein mensch der seine vernunft verlohren hat."

Die Begegnung fand im Oktober 1777 im Garten des Münchner Herzogspitals statt; auf MyslivecÇeks Zimmer zu gehen, hatte Mozart wegen des beißenden Gestanks verweigert. Erst sieben Jahre zuvor hatten sich die beiden Komponisten in Bologna kennen gelernt, und der damals 14-jährige Salzburger war schwer beeindruckt vom 19 Jahre älteren Kollegen aus Böhmen. Nicht nur professionell, wie sich an MyslivecÇeks starkem Einfluss auf Mozarts Musik vor allem der frühen Siebzigerjahre zeigt, sondern auch persönlich. Der 1737 geborene Müllerssohn aus Prag muss über eine ordentliche Portion Charisma und Charme verfügt haben.

Mit 26 Jahren, nach einem abgebrochenen Philosophiestudium in Prag, war MyslivecÇek von einem adeligen Gönner zum Studium der Musik nach Italien geschickt worden; innerhalb weniger Jahre avancierte er dort zu einem der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit - immerhin im Heimatland der Oper, wo er aufgrund seines dort unaussprechlichen Namens kurz Il Boemo ("Der Böhme") genannt wurde. In halb Europa druckte man seine Werke nach, die aristokratische Gesellschaft lag ihm zu Füßen, zahlreiche Affären mit den berühmtesten Primadonnen wurden ihm nachgesagt. Kein Wunder, dass Mozart so beeindruckt von ihm war.

Rund dreißig Bühnenwerke hat Josef MyslivecÇek komponiert, doch keines davon konnte sich bis heute im Repertoire halten. Ein neues Album des Concerto Köln gibt zumindest einen ausgezeichneten Eindruck von den musiktheatralischen Qualitäten des Böhmen. Sechs Sinfonien (und ein Concertino) hat das deutsche Originalklangensemble auf "Il divino boemo" eingespielt, wobei mit sinfonia seinerzeit nicht nur konzertante Orchesterstücke, sondern vor allem auch die üblichen dreisätzigen, instrumentalen Operneinleitungen bezeichnet wurden.

Ihrem theatralen Zweck entsprechend affekt-und effektreich sind diese "Ouvertüren" denn auch komponiert. Hörbar mit sicherer Hand eher hingeworfen denn mühevoll ausgearbeitet, sind sie von pointierten Formulierungen, prägnanter Rhythmik und packender Melodik gekennzeichnet, voller Leidenschaft, Esprit und origineller Kontraste. Und genau so werden sie vom Concerto Köln auch interpretiert. Populäre Musik des 18. Jahrhunderts, die auch heute noch unmittelbar wirkt.

So überwältigend Josef MyslivecÇeks Erfolg war, so schnell sank sein Stern auch wieder. Nicht zuletzt aufgrund seiner entstellenden Krankheit verlor Il Boemo nach 1777 die Gunst des italienischen Publikums. Und anders als Wolfgang Mozart, der seinen Kollegen zeitlebens hoch schätzte, war sich Leopold Mozart darin mit der feinen Gesellschaft einig: "Was würde der arme Mann itzt ohne Nase im Theater für eine Figur machen? - Doch propria culpa haec acciderunt. wem kann er die Schuld, als sich selbst, und seinem abscheulichen Leben geben? - welche Schande vor der ganzen Welt! - alles muß ihn fliehen und verabscheuen."

Im Februar 1781, im Alter von 43 Jahren, starb Josef MyslivecÇek völlig verarmt und vereinsamt in Rom.

Carsten Fastner in FALTER 7/2007



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