Falco. Hoch wie nie

Falco


A scheene Leich

Am 19. Februar wäre Falco fünfzig geworden. Dank neuer CD-, DVD-und Buchveröffentlichungen ist er dieser Tage omnipräsent. Was aber bleibt von seinem Werk?

Der Mozartirrsinn ist gerade überstanden, da könnte auch schon das nächste Jubeljahr beginnen: Johann "Hans" Hölzel, der einzige österreichische Popsuperstar von internationalem Format, wäre am 19. Februar fünfzig geworden. Anders als beim Schokokugel-Namenspaten ließ sich das offizielle Österreich davon nicht gleich aus der Ruhe bringen, doch zumindest medial wurde in den letzten Wochen mehr als nur ein Purzelbaum geschlagen.

Der Wiener etwa lockte mit dem "geheimen Falco", der im ausführlichen Roundtable dreier "intimer Kenner" erkundet würde; der ORF strahlte unter dem plakativen Titel "Falco lebt!" bereits Wochen vorm tatsächlichen Geburtstag eine Kompaktversion der als DVD neu aufgelegten Dolezal-Rossacher-Dokumentation "Hoch wie nie" aus; deutsche Privatsender lancierten Themenabende; und der Kurier titelte mit einem formatfüllenden Foto, der gewagten Schlagzeile "Jung wie nie" und räumte dem "Kultstar" im Blattinneren gleich drei Seiten ein.

Neben DoRos DVD liegt auch eine neue Best-Of-Doppel-CD zum Kauf bereit (schon wieder: "Hoch wie nie"), und der Journalist und Autor Peter Lanz hat sein altes Falco-Buch zu einer neuen Jubelbiografie überarbeitet. "Beim Essen langte Hans kräftig zu", gibt er darin packende Details aus der Kindheit des späteren Superstars preis, "seine Leibgerichte waren Erbsen, Karotten, Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat und Backhendl. ,Leber mochte er überhaupt nicht, nur Leberknödel', berichtet seine Mutter." Nicht minder spannend liest sich, wie es zwanzig Jahre später zugegangen sein soll: ",Es gab Abende', erzählt Billy Filanowski (enger Freund Hölzels, Anm.d.Red.), ,da hatten wir absolut keine Lust, das Haus zu verlassen. Da hat dann seine Freundin oder meine Freundin daheim gekocht, und es war richtig gemütlich.'"

Der Umgang mit Falco ist ein durch und durch österreichischer. In den frühen Achtzigern wurde der für die kleine Alpenrepublik viel zu weltgewandte, coole und großmäulige Wiener als arroganter Hund kritisch beäugt. Zu Zeiten seines globalen Nummer-eins-Hits "Rock Me Amadeus" 1985/86 liebten ihn alle, sein künstlerischer Abstieg samt privater Probleme wurde anschließend aber auch voll Häme mitverfolgt: gefloppte Platten und abgesagte Tournee; das Kind, das nicht seines war; diverse Exzesse, alkoholischer und anderer Natur. Nach Falcos Unfalltod am 9. Februar 1998 verwandelte sich diese in ihren späten Karrierejahren als Künstler wie als öffentliche Person zusehends zur Karikatur ihrer selbst verkommene Figur umgehend zum Nationalheiligtum. Der einst so Unbequeme und Unnahbare wurde "unser Falco".

Antasten streng verboten - das merkte kürzlich auch der Radiomacher Fritz Ostermayer. Als er den ehemaligen Bassisten der Wiener Rockchaotentruppe Drahdiwaberl auf FM4 als Kopisten und leidlich interessanten Achtzigerjahremainstreampopper einstufte, musste er sich erboste Hörerreaktionen um die Ohren hauen lassen, die auf kleinformatigen Leserbriefseiten kaum derber ausfallen könnten. Unrecht hatte Ostermayer indes nicht. Falcos größter Hit "Amadeus" war ein schillernder Spaß, mit einem die Jahre überdauernden Popkunstwerk hatte dieser am Reißbrett entworfene Bombastsong aber nicht viel zu tun. Und natürlich ist Hölzels Künstleridentität nicht vom Himmel gefallen. Dass er artifizielle Popfiguren wie David Bowie oder Klaus Nomi genau studiert hatte, spricht im Zweifelsfall allerdings eher für als gegen ihn.

Im Wien um 1980 muss Falco tatsächlich eine Lichtgestalt gewesen sein. Rückblickend wirkt dieser um Punk und New Wave wissende, von einem längeren Berlinaufenthalt geprägte Typ in seinem präyuppiesken Styling, seinem Hang zu musikalischem Minimalismus und seinem signifikanten Sprechgesang inmitten einer von Ausläufern des Hippietums, affigem Muckergehabe und alten Rock-'n'-Roll-Idealen geprägten Szene fast schon wie ein Wesen von einem anderen Stern. "In der Hallucination Company war er zuerst der Stille, Unscheinbare mit Pagenschnitt", erzählte Falcos langjähriger Keyboarder Thomas Rabitsch vor zwei Jahren im Gespräch mit dem Falter. "Ein ganz braver und penibler Funkbassist. Plötzlich geht dann die Tür zum Proberaum auf, und er steht da, in Mantel, Anzug und mit Kurzhaarschnitt, während wir alle noch langhaarige Freaks waren. Ich dachte: Alain Delon steht in der Tür! Er war dann auch der Erste, der bewusst mit einem Anzug auf die Bühne gegangen ist."

Ein Vierteljahrhundert nach dem ersten großen Hit, "Der Kommissar", verdeutlicht ein Wiederhören mit dem Gesamtwerk, dass sich beträchtliche Teil seiner Karriere darauf reduzierten, dem Frühwerk hinterherzujagen - denn seine stärksten Momente hatte Falco als popmusikalische Entsprechung des Frühachtziger-Zeitgeists noch vor "Rock Me Amadeus". Und obwohl sie scheinbar so unmittelbar an ihre Zeit gekoppelt waren, sind es auch die ersten beiden Platten, "Einzelhaft" (1982) und "Junge Römer" (1984), die in ihrer Mischung aus Elektropop-und HipHop-Anleihen, White-Funk-Grooves, eingängigen Popmelodien und vielfach hellsichtigen, pointierten Texten bei weitem am besten alterten. Der Rest hat gewisse Momente, mehr aber auch nicht.

Wie "Verdammt wir leben noch", die geplante Filmbiografie des österreichischen Regisseurs Thomas Roth, mit dieser Mischung aus Höhenflug und Verfallsgeschichte umgehen wird, bleibt abzuwarten. Bekannt ist bisher nur der ins Auge gefasste Filmstart Anfang nächsten Jahres - pünktlich zu Falcos zehntem Todestag.

Gerhard Stöger in FALTER 7/2007



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