New Jazz Meeting Baden-Baden 2002

Steve/+ Lacy


Alles und nichts

Neben dieser streng strukturierten und dabei zündend improvisierten Kammermusik wirkt ein Soloprojekt von Wolfgang Reisinger geradezu angenehm theoriefrei. In "Refusion" (Universal) verpflichtet sich der Schlagzeuger gemeinsam mit Wolfgang Mitterer (Elektronik), Dave Liebman (Sopran-und Tenorsaxofon), Marc Ducret (Gitarren), Matthew Garrison (E-Bass) und Jean Paul Celea (Kontrabass) weitgehend dem Jazzidiom und setzt weder auf Biotechnik noch auf Antihegelianismus, sondern einfach, aber überzeugend auf: Druck.Was hat das Knattern eines Helikopters mit Ribonukleinsäurekomplexen im Cytoplasma zu tun? Alles und nichts - zumindest auf "Krom" (Hatology/Harmonia Mundi), dem neuen Album des elektronikaffinen Wiener Improvisationskollektivs Efzeg. Boris Hauf (Saxofon), Billy Roisz (Computer), Dieb 13 (Turntables), Martin Siewert und Burkhard Stangl (Gitarren) haben vier großteils schwarz schimmernde Klangflächen eingespielt und auf Namen aus dem Bereich der Biogenetik getauft.

Überhaupt, so verrät der Begleittext, seien die Gentechnologie, das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie soziale Prozesse von zumindest unterschwelligem Interesse für die Band. Man muss sich davon aber nicht schrecken lassen. Wie das Quintett seine Musik stets nach allen Seiten hin offen hält, um sie bald in technoide Kälte, bald in countryeske Wärme schwenken zu lassen, diesen "sozialen Prozess" hörend zu verfolgen, ist allemal spannend genug.

Der Musik von Bernhard Lang hört man die Komplexität ihres gedanklichen Unterbaus noch weniger an. Sein Kompositionsprinzip der Differenz in der Wiederholung fußt auf den Theorien von Gilles Deleuze und ist zugleich offen für improvisatorische Elemente. Mit die überzeugendsten Ergebnisse lieferte es beim New Jazz Meeting Baden-Baden 2002, wo Lang gemeinsam mit Steve Lacy (Sopransaxofon), Peter Herbert (Kontrabass), Wolfgang Reisinger (Schlagzeug), Philip Jeck (Turntables) und Christof Kurzmann (Elektronik) seinem programmatisch betitelten Werkkomplex "Differenz/Wiederholung" einige neue Remixes hinzufügte. Eine erste Dokumentation dieser Sessions ("Trio x 3") wurde nun um einen zweiten Band mit etwas verwirrendem Titel ergänzt. "Steve Lacy. New Jazz Meeting Baden-Baden 2002" (Hatology/Harmonia Mundi) liefert keinesfalls Stücke zweiter Wahl, sondern Takes, die "aus dramaturgischen Gründen" bislang keine Verwendung fanden.

Carsten Fastner in FALTER 5/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×