Fresh Kills Landfill

A Life, A Song, A Cigarette


Wie die Alten sungen

A Life, A Song, A Cigarette haben eine hierzulande so bislang unerhörte Mischung aus Schönheit und Brüchigkeit kultiviert.

Ein existenzialistischer Hauch eilt der Band voraus. A Life, A Song, A Cigarette - in diesem Namen sind offenbar auch die ästhetischen Koordinaten abgesteckt. Die Zeichen stehen auf Songwritermusik für Menschen, die zerlesene rote Camus-Taschenbücher in ihren schwarzen Mänteln spazieren tragen und sich das Rauchen partout nicht verleiden lassen wollen.

Doch A Life, A Song, A Cigarette (kurz: ALASAC) sind nicht angetreten, um Klischees zu bedienen. Zu vielschichtig gestaltet sich das musikalische Universum der sechs Herren Mitte zwanzig, das auf ihrem Debütalbum "Fresh Kills Landfill" von Singer/Songwriter über Indierock und Alternative Country bis zu trunkener Seemannsromantik reicht. Und während des Gesprächs mit dem Falter halten es Sänger Stephan Stanzel und Gitarrist Hannes Wirth sogar einige Zeit lang an einem Nichtrauchertisch aus.

"Ich bin mit der Plattensammlung meiner Eltern aufgewachsen und habe viel Beatles gehört", erzählt Stanzel, der nebenbei als Bassist in der Band von Ernst Molden wirkt und ein mindestens ebenso fähiger Songschreiber wie dieser ist. "In den Neunzigern habe ich vor allem den gängigen Indierock gehört, Pavement und Dinosaur Jr., in den letzten Jahren ging es dann zurück zu Johnny Cash und Dylan." Kollege Wirth wiederum präferiert härtere Gitarrenmusik und Neil Young.

Man sieht: Die Mitglieder dieser Band sind gleichermaßen von neuerer wie von etwas älterer Musik geprägt. Und genau diese Mischung manifestiert sich aufs Schönste in ihren Songs. ALASAC schätzen, wie die Alten sungen, und nehmen sich teils auch ein Beispiel daran; aber sie sind keine rückwärtsgewandte Retroband. Junge Herzen schlagen in ihrer Brust und bluten in trauriger Schönheit vor sich hin.

"Wir sind eine Leidensgemeinschaft", sagt Stanzel auf die Frage nach der Weltsicht der kreativ "zu siebzig Prozent" von ihm bestimmten Band. Er meint das nicht kokett oder weil er sich gern im Schmerz suhlen würde (na gut, vielleicht ein bisschen). Eher geht es ihm und den Kollegen Wirth, Philipp Karas (Keyboards, Akkordeon), Martin Knobloch (Bass), Lukas Lauermann (Cello) und Daniel Grailach (Schlagzeug) darum, "durch die Musik und durch die Band ein bisschen näher zur Freude zu kommen".

Zu welch ergreifenden Ergebnissen dieses Bemühen auf "Fresh Kills Landfill" bisweilen führt, kommt trotz des guten Rufes, der der Band aufgrund ihrer Konzerte vorauseilt, dann doch überraschend. ALASAC machen Musik, bei der nichts aufgesetzt wirkt, an der im Gegenteil fast jeder Ton stimmt. Dass sie an der Platte mit Unterbrechungen fast ein Jahr gearbeitet haben, war kein Fehler. So erhielten die Songs prägnante Arrangements, in denen wahlweise Cello, Akkordeon, Lapsteel-Gitarre oder zweistimmiger Gesang schöne Akzente setzen dürfen.

Wären ALASAC eine Band aus den USA, man müsste ihnen jetzt eine große Karriere voraussagen. Weil sie aber eine Band aus Wien sind, die wie keine andere aus dieser Stadt klingt, müssen sie sich ständig mit den Kollegen Bright Eyes aus Nebraska vergleichen lassen. "Wir versuchen sicher nicht, auf einen internationalen Zug aufzuspringen", sagt Stanzel dazu. "Aber mit dem Bright-Eyes-Vergleich habe ich mich abgefunden. Conor Oberst ist ja nicht der größte Idiot auf dieser Welt." Für diesen Satz hat er sich jetzt auch eine Zigarette verdient.

Sebastian Fasthuber in FALTER 4/2007



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