COSTELLO MUSIC

The Fratellis


Too Cool to Be Cool

Wenn die schottischen Fratellis mit ihren Glam-Punk-Gassenhauern demnächst nach Wien kommen, reist eine ganze Welt fiktiver Kunstfiguren mit.

Mitte der Neunzigerjahre, als der junge Jon Lawler in Glasgow zur Schule ging, war er alles andere als der Inbegriff der Coolness. "Ich hatte nie die richtigen Schuhe an", sagt er heute, "hatte nie genug Geld für so was". Vor allem aber fiel Jon durch seinen unbelehrbar konservativen Musikgeschmack aus dem Rahmen. Er hörte nur die Platten seines Vaters, insbesondere Dylan und die Beatles. Die bunte Clubwelt der Dance Music wollte ihn partout nicht reizen: "Dadurch hab ich leider auch den ganzen Drogenaspekt davon vollkommen verpasst. Aber mich interessierte das einfach nicht. Ich liebte Musik so sehr, dass mich nichts dazu bringen konnte, diesen Sound gut zu finden."

Auch mit dem damals gerade so aktuellen Britpop wusste er wenig anzufangen: "Alle meine Freunde hörten Oasis und Blur, aber dafür war ich damals ein bisschen zu eingebildet. Ich hatte allerdings wohl auch Recht damit, weil einfach niemand so gut sein kann, wie die Bands früher einmal waren." Die Ironie daran ist nicht bloß, dass Jon mit seinem beeindruckenden Rockstar-Lockenkopf heute - als Sänger und Gitarrist der Fratellis - selbst Aushängeschild der jüngsten britischen Gitarrenpopwelle ist. Er steht auch noch unter dem gleichen Plagiatsverdacht, unter den er als Teenager selbst alle neuen Bands zu stellen pflegte. Was ihn daran am meisten stört, sind die dabei bemühten Referenzen: "Die Behauptung, dass wir im Windschatten der Libertines daherkämen, ist doch bizarr. Manche Leute scheinen im Ernst zu glauben, die Libertines hätten den Punk erfunden."

Tatsächlich erinnern die geradewegs in Richtung Gassenhauer produzierten Songs der Fratellis eher an beschleunigte, übersteuerte Versionen von T-Rex oder Badfinger. Und wenn in der Welt des Neo-Britpop die Kaiser Chiefs den Platz der oberschlauen Blur und Kasabian jenen der rüpelhaften Oasis einnehmen, dann sind die Fratellis wohl die unbeschwerten, naseweisen Supergrass ihrer Ära. So bezieht sich ihr Albumtitel "Costello Music" bezeichnenderweise nicht etwa auf den hirnlastigen Elvis, sondern auf Tony Costello, eine Figur aus der Rock-Filmkomödie "Still Crazy" über eine fiktive Band aus den Siebzigern, die in den Neunzigern ihr Comeback versucht.

Umgekehrt verkörpern die Fratellis selbst so etwas wie ein real gewordenes Filmskript. Jon, Bassist Baz und Schlagzeuger Vince haben ihren - vom italienischen Geburtsnamen der Mutter des Bassisten geborgten - Bandtitel als kollektiven Nachnamen angenommen. In seinen sich in glamourösen Wortketten à la Marc Bolan von Reim zu Reim schwingenden Songtexten hat Jon Fratelli eine ganze Clique schimmernder Charaktere wie "Vince the Loveable Stoner", "Henrietta" oder die rabiate Männerfresserin "Chelsea Dagger" ins Leben gerufen. Nichts mache ihm mehr Spaß, als in seinen Songs an der sich ständig erweiternden Welt seiner Kunstfiguren zu basteln, erklärt Jon Fratelli. "Aber leben würd ich dort nicht wollen."

Robert Rotifer in FALTER 3/2007



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